Kinder übertragen SARS-CoV-2 im Haushalt häufiger

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 17. August 2021

Kinder übertragen SARS-CoV-2 in Familien häufiger als Erwachsene. Dies geht aus einer be­völkerungsbasierten Studie aus dem kanadischen Bundesstaat Ontario in JAMA Pediatrics (2021; DOI: 10.1001/jamapediatrics.2021.2770) hervor.

Kinder sind zu Beginn der Pandemie nur selten an COVID-19 erkrankt. Infektionen verliefen bei ihnen häufig mild oder asymptomatisch. Daraus wurde geschlossen, dass Kinder das Virus seltener übertragen als Erwachsene.

Dass dieser Eindruck vermutlich falsch ist, zeigt eine Analyse eines Teams um Sarah Buchan von Public Health Ontario, der obersten Gesundheitsbehörde im bevölkerungsreichsten Bundesland Kanadas. Den Forschern war es aufgrund der Vernetzung der Behörden leicht möglich, die gemeldeten Infektionen einzelnen Haushalten zuzuordnen und herauszufinden, welche Person als erste in einer Familie erkrankt war und wie viele andere Personen sich später infizierten.

In 6.280 Haushalten trat die 1. Infektion bei einem Kind auf. Unter diesen Indexfällen waren mit einem Anteil von 12 % relativ wenige Kleinkinder im Alter von 0 bis 3 Jahren. Die Altersgruppe von 4 bis 8 Jahren hatte das Virus zu 20 % in die Familie eingeschleppt. Noch mehr Indexfälle gab es unter den 9 bis 13-jährigen mit 30 % und unter den 14- bis 17-jährigen mit 38 %.

Unter den Personen, die weitere Personen infizierten, standen die Kinder unter 4 Jahren jedoch an 1. Stelle: Sie übertrugen das Virus zu 43 % häufiger als die älteren Teenager, die oft als die wichtigsten Vektoren der Pandemie eingestuft werden.

Die Tatsache, dass die kleinsten Kinder häufig asymptomatisch sind und deshalb vermeintlich weniger Viren abgeben, ändert wenig an der Situation. Laut Buchan waren die asymptomatischen Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren zu 49 % häufiger der Überträger als die älteren Teenager. Vor der Öffnung von Schule oder Kindergarten war das Übertragungsrisiko sogar 5,41-fach erhöht (allerdings mit einem weiten 95-%-Konfidenzintervall, weil die Studie hier an ihre Grenzen kam).

Die Erklärung liefert eine Studie, die vor 40 Jahren im Journal of Pediatrics (1981; DOI: 10.1016/S0022-3476(81)80969-9) publiziert wurde. Caroline Hall und Gordon Douglas von der Universität Rochester hatten damals in einem Experiment gesunde Erwachsene mit einem Säugling zusammengebracht, der mit dem RS-Virus infiziert war. Von den 7 Erwachsenen, die über 2 bis 4 Stunden mit dem Säugling spielten, ihn fütterten und die Windeln wechselten, erkrankten 5, davon 2 mit Fieber.

Eine 2. Gruppe berührte nur die Oberflächen, die mit den Sekreten des Säuglings kontaminiert waren, während der Säugling nicht im Raum war. Hier erkrankten 4 von 10 Erwachsenen. In einer 3. Gruppe saßen die Erwachsenen in 6 Fuß Entfernung vom Säugling entfernt, der sich im Bett aufhielt. Keiner der 14 Erwachsenen erkrankte.

In einer Familie dürfte in der Regel das 1. Szenario auftreten. Erwachsene haben in der Regel einen engen körperlichen Kontakt zu Säuglingen, was ein erhöhtes Infektionsrisiko erklärt, auch wenn die Aus­scheidung der Viren geringer sein sollte als bei älteren Kindern. © rme/aerzteblatt.de


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