Israel und Großbritannien: Delta-Variante trotz hoher Impfquote nicht zu bremsen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 6. Juli 2021

Die jüngsten Zahlen aus Großbritannien und Israel zeigen, dass sich die Delta-Variante auch bei einer hohen Impfquote ausbreiten kann. Die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle ist jedoch weiter gering. Großbritannien will trotz einer beginnenden Erkrankungswelle am 19. Juli sämtliche Kontrollmaßnahmen aufheben. In Israel wird die Impfung von Jugendlichen forciert.

In Großbritannien sind am Montag 27.334 neue bestätigte COVID-19-Fälle gemeldet worden. Die 7-Tage-Inzidenz ist mittlerweile auf über 220 pro 100.000 Einwohner angestiegen (in Deutschland 5/100.000). Der Anstieg der Fallzahlen, der sich Mitte Mai abzeichnete, hat sich fortgesetzt, obwohl 86,1 % der Be­völ­­kerung die 1. Impfdosis und 64,0 % die 2. Impfdosis erhalten haben.

Laut Public Health England ist die Delta-Variante mittlerweile für 95 % der Infektionen verantwortlich. Die britische Regierung will trotz des starken Anstiegs der Fallzahlen die Maßnahmen lockern. Die Pflicht zum Maskentragen wurde bereits aufgehoben, am 19. Juli, dem „Freedom Day“, sollen alle Ein­schrän­kungen fallen.

Die britische Regierung hofft, dass die Delta-Variante nur leichte Erkrankungen auslöst. Dies dürfte mit der hohen Quote abgeschlossener Impfungen in den höheren Altersgruppen zusammenhängen. Bei den über 50-Jährigen liegt sie bei über 80 %, bei den über 70-Jährigen sogar bei über 90 %. Von den unter 40-Jährigen haben dagegen erst 12,3 % beide Dosierungen erhalten (viele dürften jedoch durch frühere Infektionen geschützt sein, die sie möglicherweise nicht bemerkt haben).

Bisher haben sich die Hoffnungen der Regierung erfüllt. Gestern wurden nur 9 Todesfälle bekannt. Ein Anstieg der Mortalität, der während der 2. Welle stärker ausfiel als in anderen europäischen Ländern, ist derzeit nicht erkennbar. Auch die Zahl der Hospitalisierungen ist bisher nicht gestiegen. In der Kalender­woche 25 (21. bis 27. Juni) betrug die Rate 1,91 pro 100.000 im Vergleich zu 1,92 pro 100.000 in der Vorwoche.

Erkennbar ist allerdings ein Anstieg der Reinfektionen, der auf einen verminderten Impfschutz gegen die Delta-Variante hindeutet. Betroffen ist vor allem die Altersgruppe der über 80-Jährigen. Solange dies allerdings nicht zu einem Anstieg der schweren Erkrankungen führt, könnte die Rechnung der britischen Regierung aufgehen.

Virologen warnen allerdings, dass der alleinige Blick auf die schweren Erkrankun­gen kurzsichtig sein könnte. Richard Tedder vom Imperial College London befürchtet, dass eine Ausbreitung der Delta-Varian­te bei einer Teilimmunität die Bildung weiterer Varianten fördert. Dies sei unvermeidlich, wenn Impfun­gen nur schwere Erkrankungen verhindern, jedoch nicht mehr die Infektionen selber.

Auch in Israel ist die Zahl der Infektionen in den letzten Tagen angestiegen. Die 7-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 22 bestätigten Erkrankungen auf 100.000 Einwohner. Schwere Erkrankungen sind selten. Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus hat es in den letzten beiden Wochen nicht gegeben. Es gibt aber offenbar Anzeichen für eine verminderte Schutzwirkung der Impfung, die in Israel mit der Biontech-Vakzine erfolgt.

Gestern gab das Ge­sund­heits­mi­nis­terium bekannt, dass die Schutzwirkung auf 64 % gesunken sei, da sich die Delta-Variante weiter im ganzen Land ausbreite. Im März, als das Infektionsgeschehen noch von der Alpha-Variante bestimmt wurde, lag die Schutzwirkung noch bei 91,2 %. Schwere Erkrankungen wur­den damals zu 99 % verhindert. Diese Schutzwirkung ist derzeit mit 93 % immer noch sehr gut.

Die Re­gie­rung versucht, die Situation durch Impfangebote an Jugendliche in den Griff zu bekommen. Anfang Juli wurden alle Jugendlichen ab 12 Jahren gebeten, sich impfen zu lassen.

Leif Erik Sander von der Charité warnte angesichts der Berichte aus Israel vor schnellen Schlüssen. „Diese Zahlen muss man noch etwas mit Vorsicht betrachten. Es ist methodisch schwierig in einem solchen Set­ting wie in Israel mit niedrigen Inzidenzen und lokalen Ausbrüchen die genaue Effektivität der Impfung zu bestimmen“, erklärte Sander.

Dass der Immunschutz mit der Zeit etwas nachlasse, sei allerdings auch denkbar. In Israel sei sehr früh geimpft worden. Dass vor allem der Schutz vor einer Weitergabe des Virus mit der Zeit nachlassen könnte, wird schon länger befürchtet – er gilt als weniger langlebig als der Schutz des Geimpften selbst. „Man muss also die Zahlen weiter genau beobachten“, so Sander.

Grundsätzlich sei anzunehmen, dass es durch die Delta-Variante häufiger zu Durchbruchinfektionen – also Infektionen bei Geimpften – und auch zur Weitergabe des Virus durch Geimpfte kommen könne, be­kräftigte Sander. Er hob jedoch hervor, dass sich sowohl in Israel als auch in Großbritannien zeige, dass die Impfung „sehr gut vor schweren Krankheitsverläufen schützt“. © rme/dpa/aerzteblatt.de


/picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Ariel Schalit

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