Indische SARS-CoV-2-Variante ist leichter übertragbar, aber Impfstoffe wirken noch

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 26. Mai 2021

Die ursprünglich aus Indien stammende SARS-CoV-2-Variante B.1.617.2 breitet sich in Groß­britannien schnell aus. Sie hat sich als viel leichter übertragbar erwiesen als die bislang vorherrschende britische Variante.

Insgesamt seien die Inzidenzen zwar weiterhin sehr niedrig, doch der leichte Anstieg der letzten Zeit sei auf die neue Variante zurückzuführen, betonte der Londoner Epidemiologe Neil Ferguson heute bei einer Pressekonferenz des Science Media Centre.

Trotzdem sieht der Direktor des MRC Centre for Global Infectious Disease Analysis am Imperial College in London die Situation durch den Impffortschritt und die niedrigeren Fallzahlen in Großbritannien positiver als nach dem Auftreten der britischen Variante Ende vergangenen Jahres. Damals führte die sogenannte britische Virusmutante B.1.1.7 zu einer heftigen 2. Infektionswelle in Großbritannien und kurze Zeit später auch in Kontinentaleuropa.

Unabhängige Experten riefen allerdings in Großbritannien bereits dringend zum Handeln auf. Die Aus­brei­tung der Variante B.1.617.2 erfordere eine sofortige Einleitung von Maßnahmen, um die Fallzahlen zu senken, teilte die als „Independent SAGE“ bekannte Gruppe mit. Sie ist nicht identisch mit dem nur als „SAGE“ (Scientific Advisory Group for Emergencies) bezeichneten offiziellen Expertengremium der briti­schen Regierung.

Schätzungen zufolge sei die indische Variante in Teilen des Landes bereits vorherrschend, weshalb es wahrscheinlich zu spät sei, um zu verhindern, dass sie sich im ganzen Land als dominant durchsetze. Daher empfehlen die unabhängigen Experten Maßnahmen wie zusätzliche Unterstützung für Menschen mit geringen Einkommen bei der Selbstisolierung, bessere Belüftungsmaßnahmen in Schulen und eine Rückkehr der Maskenpflicht in allen weiterführenden Schulen.

In Großbritannien wurden bislang rund 3.400 Infektionen mit der Variante B.1.617.2 registriert. Von der WHO wurde sie bereits als Variant of Concern (VOC) eingestuft. Die erstmals in Indien nachgewiesene Variante B.1.617 ist damit die vierte VOC, die im Laufe der letzten Monate zu Tage trat – nach der in Großbritannien entstandenen und heute weltweit dominanten Variante B.1.1.7. sowie den Varianten B.1.351 aus Südafrika und P.1 aus Brasilien.

Die Mutationen, die B.1.617.2 aufweist, verleihen ihr nicht nur eine erhöhte Übertragbarkeit. Es gibt auch Hinweise auf ein partielles Entkommen vor der Immunantwort von Geimpften und Genesenen. Einen vollständigen Immun Escape hat die Variante allerdings nicht geschafft. Die vorhandenen Impf­stoffe sind immer noch wirksam.

Impfschutz vor schweren Verläufen weiter gegeben

B.1.617.2 verfügt über die Schlüsselmutationen L452R, E484Q und P681R. Diese verleihen der Variante eine „bescheidene Reduktion der Suszeptibilität gegenüber Vakzinen“, wie Ravindra Gupta, Professor für klinische Mikrobiologie an der University of Cambridge, berichtete. Er betonte aber auch, dass die Impfstoffe weiterhin – auch bei einer Infektion mit B.1.617.2 – vor schweren Verläufen einer COVID-19-Erkrankung schützten (bioRxiv, 2021; DOI: 10.1101/2021.05.08.443253).

In Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam hat Gupta außerdem herausgefunden, dass die Mutation P681R mit einer erhöhten Fähigkeit zur Induktion von Zell-Zell-Fusionen und Synzytienbildung in Zellkultur assoziiert ist. Diese könnten es der Variante erlauben, stärker pathogen zu wirken, also schwerere COVID-19-Erkrankungen auszulösen.

Allerdings gibt es aus Gebieten mit hoher B.1.617.2-Verbreitung, etwa Indien, bisher keine eindeutigen Hinweise auf einen Unterschied in der Krankheitsschwere im Vergleich zu anderen Varianten wie B.1.1.7.

„Es gibt eine Andeutung in den bisher vorhandenen Daten, dass sich Menschen unter 21 Jahren etwas häufiger mit dieser Variante infizieren“, ergänzte Ferguson. Ob dem tatsächlich so sei, werde sich aber erst in einigen Wochen zeigen.

„Es ist durchaus möglich, dass diese Beobachtung damit zu tun hat, in welche Populationsgruppen das Virus durch die Reisetätigkeit aus Indien als erstes hineingetragen wurde“, betonte er.

Nicht auf niedrigen Raten ausruhen

Gupta rief auch die anderen europäischen Länder zu erhöhter Wachsamkeit auf. Dass die Raten der Variante B.1.617.2 in Ländern wie Deutschland derzeit noch sehr gering sei, könne auch mit Surveillance-Unterschieden zwischen den Ländern zu tun haben. „Das ist kein Grund zur Beruhigung.“ Bislang wurde die Variante in mehr als 40 Ländern nachgewiesen.

Zu den seit Kurzem geltenden Einreiseeinschränkungen von Großbritannien nach Deutschland sagte Ferguson: „Solche Restriktionen können die Ausbreitung der Variante höchstens geringfügig verlangsamen, aber nicht aufhalten.“

Als einzig sinnvolle Wege zur Bekämpfung dieser und künftiger Varianten von SARS-CoV-2 sieht Gupta eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung und die Anpassung der Impfstoffe durch die Hersteller. © nec/dpa/aerzteblatt.de


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