Impfstoffgipfel: Hoffnung auf mehr Vakzin bis zum Sommer

Deutsches Ärzteblatt vom 2.2.2021

Nach dem schleppenden Start der Coronaimpfungen in Deutschland gibt es zumindest die Hoffnung auf Besserung. Bis zum Sommer sollen die Impfstofflieferungen anziehen – im gesamten Jahr könnten es laut einer neuen Schätzung des Bundes bis zu 322 Millionen Dosen werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte gestern nach einem „Impfgipfel“ das Ziel, allen Bür­gern bis zum Ende des Sommers am 21. September ein Impfangebot zu machen. Nach Ärger über orga­ni­satorische Probleme wollen sich Bund und Länder über bevorstehende Lieferungen enger abstimmen. Der Hersteller Biontech kündigte eine Produktionsausweitung an. Auch der Pharmariese Bayer will bald bei der Fertigung eines anderen Präparats mithelfen.


Merkel sagte nach der Videokonferenz, besonders für die Länder sei ein „höchstes Maß an Planbarkeit“ wichtig. Den Herstellern sei sehr klar gemacht worden, dass jede voraussagbare Woche gut sei. Es sei aber auch verständlich, dass die Unternehmen nicht mehr zusagen wollten, als angesichts komplexer Prozesse redlich sei. Bund und Länder wollten in einem „nationalen Impfplan“ künftig auch bestimmte Annahmen modellieren, um Mengen vorab besser abschätzen zu können.

An der Beratung nahmen neben den Ministerpräsidenten auch Vertreter der Pharmabranche und der EU-Kommission teil. Gut einen Monat nach Beginn der Impfungen hatte sich angesichts knapper Mengen, teils unsicherer Lieferungen und oft überlasteter Telefon-Hotlines für Impftermine massive Kritik aufge­staut. Schon vor dem „Impfgipfel“ sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), realistischerweise sei noch mit einigen Wochen der Impfstoffknappheit zu rechnen.

Die Mengen sollen im Lauf des Jahres aber schrittweise anwachsen, wie aus einer Übersicht des Ministe­riums hervorgeht. Nach 18,3 Millionen Dosen im laufenden ersten Quartal könnten demnach laut aktu­eller Schätzung im zweiten Quartal 77,1 Millionen und im dritten Quartal 126,6 Millionen Dosen ver­schiedener Hersteller folgen.

Im vierten Quartal könnten es 100,2 Millionen Dosen sein. Die Schätzung bezieht sich auf Verträge und geplante Vereinbarungen sowie voraussichtliche Zulassungstermine einiger Impfstoffe. Das Ministerium betonte, dass die Prognosen immer mit Unsicherheiten behaftet und Änderungen nicht ungewöhnlich seien.

Merkel erläuterte, eine Impfzusage für alle Bürger bis zum Ende des Sommers könne auch dann auf­recht­erhalten werden, wenn nur die drei zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca kämen. Bei weiteren erwarteten Zulassungen gebe es sogar ein größeres Angebot.

Der Bayer-Konzern kündigte an, im nächsten Jahr rund 160 Millionen Dosen des Impfstoffes herzustell­en, den das Tübinger Unternehmen Curevac derzeit entwickelt. Curevac erklärte, bis zum Jahresende „mehrere hundert Millionen Dosen“ zur Verfügung haben zu wollen.

Der Impfstoffhersteller Biontech will 2021 zwei Milliarden Dosen seines Vakzins herstellen und damit die bisher erwartete Produktion von 1,3 Milliarden Dosen um mehr als 50 Prozent steigern. „Wir sind auf dem richtigen Weg, unsere Produktionskapazitäten zu erweitern“, teilte das Unternehmen gestern in Mainz mit. Die Umbauten im belgischen Pfizer-Werk Puurs seien erfolgreich abgeschlossen worden. „Nun sind wir zurück im eigentlichen Zeitplan für die Lieferung von Impfstoffdosen an die Europäische Union.“

Pfizer und Biontech würden weiter an erhöhten Liefermengen arbeiten – von der Woche des 15. Februar an. Man wolle sicherzustellen, dass man im ersten Quartal die Menge an Impfstoffdosen erfülle, auf die man sich vertraglich verpflichtet habe - und im zweiten Quartal bis zu 75 Millionen weitere Dosen an die Europäische Union liefern können. Das Biontech-Werk im hessischen Marburg habe eine Lizenz er­hal­ten und wolle im Februar die Produktion aufnehmen.

„Drittens haben wir unser europäisches Fertigungsnetzwerk kontinuierlich erweitert – von drei Partnern im Dezember 2020, als wir erste Genehmigungen erhalten haben, auf nun 13 einschließlich des Werks in Marburg. Wir werden dieses Netz weiter stärken und sind in Gesprächen mit zusätzlichen Partnern“, teilte Biontech mit.

Biontech-Chef Ugur Sahin sagte in den ARD-„Tagesthemen“, die Hersteller seien in einer Ausnahmesitu­ation. „Wir sind selbst davon abhängig, dass die Zulieferer uns Materialien liefern“, erklärte er. „Wir haben auch keine vollen Lagerstätten. Alles, was wir produzieren, wird de facto sofort ausgeliefert.“ Wenn es zu einer Verzögerung komme wegen eines Problems, schlage das sofort durch.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte als Vorsitzender der Ministerpräsidenten­konferenz, möglichst frühe und umfassende Informationen der Hersteller seien wichtig. Zugleich habe man gelernt, dass man die Produktion nicht von heute auf morgen beliebig hochfahren könne. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, es sei noch Geduld gefordert. Planungen gingen „nicht mit der Stoppuhr“. Wichtig sei aber, nicht im Nebel zu stochern.

Von der Opposition kam Kritik. FDP-Chef Christian Lindner nannte das Ergebnis des Impfgipfels enttäu­schend. „Aus langsamen Fortschritten beim Impfen darf sich nun kein Dauer-Lockdown bis zum Ende des Sommers ergeben“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Linke-Chef Bernd Riexinger sagte: „Die gute Nachricht des Tages kommt nicht vom Impfgipfel, sondern erstaunlicherweise von den Herstellern.“ Obwohl noch zu wenig Impfstoff zur Verfügung stehe und Impf­zentren kaum ausgelastet seien, verzweifelten Impfwillige bereits in Warteschleifen der Telefonhotlines zur Terminvereinbarung.

Der Bundesgeschäftsführer des Mittelstandsverbands BVMW, Markus Jerger, kritisierte: „Der Impfgipfel war keinesfalls ein Gipfel, sondern das Tal der Unverbindlichkeiten. Weder eine verbindliche Exitstrate­gie noch ein klarer Fahrplan für Lockerungen der Freiheitsrestriktionen für Betriebe und Bürger sind sichtbar.“

Vertreter der Länder zeigten sich unzufrieden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Ma­nuela Schwesig (SPD) sprach beispielsweise von einem durchwachsenen Ergebnis der Gespräche. Bayerns Ge­sundheitsminister Klaus Holetschek fehlen die Perspektive und Planbarkeit, sagte er dem Inforadio Ber­lin Brandenburg. „Wir brauchen viel Impfstoff, der planbar und verfügbar ist“, betonte Holetschek (CSU). „Wir haben da noch nicht so viel erreicht, wie ich mir gerne vorgestellt hätte.“

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, forderte nach dem Impfgipfel Planungssicherheit für die Kommunen, die die Impfzentren betreiben. „Wir gehen davon aus, dass wir jetzt konkretere Informationen von Bund und Ländern bekommen“, sagte er der Rheinischen Post.

Der Impfplan, der jetzt erarbeitet werden solle, werde dabei helfen, sagte Dedy. Er verwies darauf, dass "die kommunalen Impfzentren bundesweit täglich schätzungsweise 250.000 Menschen versorgen" könnten. Aber: "Die nächsten Wochen werden noch von Engpässen bestimmt sein, die Zahl der Impfdosen wird erst im zweiten und dritten Quartal deutlich wachsen", sagte Dedy.

Aus Sicht von Grünen-Chef Robert Habeck hat der Impfgipfel seine Erwartungen nicht erfüllt. „Das Er­war­tungsmanagement ist in den Keller gefahren worden“, sagte Habeck im ARD-„Morgenmagazin“. Ein Impfgipfel solle eigentlich eine Strategie erklären. Stattdessen sei lediglich eine Strategie angekündigt worden.

„Und ich glaube nicht, dass das befriedigend ist.“ Habeck betonte, er hätte sich angesichts der öffentli­chen Erwartung an den Gipfel im Vorfeld schon mehr Transparenz über die Ziele der Zusammenkunft gewünscht. „Das verstehe ich auch handwerklich nicht, dass man sich trifft (...) und sagt: Beim nächsten Mal schaffen wir die Faktenlage.“ © dpa/afp/aerzteblatt.de


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (re.) und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. /picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Hannibal Hanschke

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