Impfstart in Arztpraxen frühestens Mitte April, KBV geht von Mai aus

Deutsches Ärzteblatt vom 11.03.2021

Erst sollten die Hausärzte Anfang April in die Impfungen gegen SARS-CoV-2 einbezogen wer­den. Nun wird klar: Es wird wohl länger dauern. Gestern Abend deutete sich ein Start Mitte April an. Die Kassenärztliche Bundes­vereinigung (KBV) geht sogar von Mai aus.

Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Bund und Ländern beschlossen gestern im Detail, spätestens in der Woche vom 19. April mit Impfungen in Hausarztpraxen zu beginnen. Nach dreistündigen Beratungen einigten sich die Minister nun auf die 16. Kalenderwoche oder früher – „sollten es die noch zu konkretisierenden Liefermengen der Hersteller für April zulassen“. Einzelne Länder können demnach allerdings auch ein „Opt-out“ erklären und im April noch nicht routine­mäßig in den Arztpraxen impfen.


Regierungssprecher Steffen Seibert hatte gestern bereits mitgeteilt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder „zeitnah“ über die „Empfehlungen“ der Gesundheitsminis­ter­konferenz entscheiden wollen.

Die Anlieferungsstandorte der Länder sollen demnach im April wöchentlich mit kontinuierlich 2,25 Milli­o­nen Dosen beliefert werden. Die niedergelassenen Ärzte sollen im April vor allem immobile Patienten in der eigenen Häuslichkeit sowie Personen mit Vorerkrankungen impfen. Die Länder sollen dem Bund mitteilen, wie die Aufteilung ihres Anteils auf die Hersteller vorgenommen werden soll. Die Impfzentren sollen bis mindestens Ende September weiter vom Bund finanziert werden.

Der Vorsitzende der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK), Klaus Holetschek (CSU) aus Bayern, sagte, künftig stehe die Impfstrategie auf zwei Säulen. „Wir binden ab April die Hausärzte ein, und wir halten an der bewährten Struktur der Impfzentren fest, die die Bundesländer in den vergangenen Monaten auf­gebaut haben.“

In der Anfangsphase im April werde noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, damit Ärzte im ganzen Land voll durchstarten könnten. „Aber wenn die Lieferungen so kommen, wie der Bund sie uns in Aussicht gestellt hat, dann können wir die Impfungen bei den Ärzten schnell hochfahren.“

Die bundesweit 12.000 Werksmediziner sollen nach den Praxen auch beim Impfen einsteigen. Wann ist noch nicht entschieden. Sie könnten „pro Monat etwa fünf Millionen Beschäftigte impfen“, hatten sie zuletzt immer wieder betont.

KBV hält Mai für wahrscheinlicher

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, erwartet den Impfstart in Arztpraxen frühestens im Mai – und nicht wie von der Bundesregierung geplant spätestens ab dem 19. April.

Bei der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz sei entschieden worden, dass der Impfstoff zunächst weiter an die Impfzentren gehe, „sodass ich die Haus- und Fachärzte im April eher nicht im Impfgeschehen sehe, weil sie schlicht und ergreifend nicht genug Impfstoff bekommen werden“, sagte Gassen heute im ZDF-„Mor­gen­­magazin“. Er gehe davon aus, dass „wir auf diese Ressourcen wohl dann erst im Mai zurückgreifen können und es bei dem bisherigen Impftempo bleiben dürfte“.

Gassen zufolge habe die KBV angesichts des schleppenden Impfstarts damit gerechnet, dass die Ärzte schon „sehr viel früher“ in die Impfstrategie eingebunden würden. Fünf Millionen Impfungen könnten in den Praxen „ohne größere Anstrengungen“ pro Woche geleistet werden. Die Arztpraxen könnten „das Impfen in hoher Frequenz und in großer Menge leisten – wenn sie den Impfstoff bekommen“, so Gassen.

„Wir sind bereit: Jetzt und sofort. Doch man lässt uns im Unklaren. Aber nicht nur das“, ärgerte sich Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Die Politik wolle zuerst die Impfzentren mit Impfstoffen ausstatten und deren Finanzierung absichern, danach folgten die Praxen mit den übrig gebliebenen Resten. Das sei ein „Unding“. Beide KBV-Vorstände betonten, dass ein schnelles Durchimpfen der Bevölkerung selbst mit aufgestock­ten Impfzentren nicht zu erreichen ist. „Es geht darum, maximale Geschwindigkeit bei den Impfungen zu erreichen – es gibt aber offensichtlich noch einige, die das nicht verstanden haben“, so Gassen.

Der Chef des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, kritisierte die Verzögerung. „Wir sind nicht nur bereit, wir scharren schon seit Wochen ungeduldig mit den Hufen“, sagte er dem Deutschlandfunk. Er könne nicht nachvollziehen, dass „man das Volk sozusagen im Lockdown hält“, statt es zu impfen. Die Impfzent­ren seien am Anfang sicher notwendig gewesen. In den Praxen könne aber schneller und besser geimpft werden.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, forderte die schnelle Beteiligung niedergelasse­ner Ärzte bei den Coronaimpfungen. „Es ist ein ethisches Gebot, jetzt Meter zu machen beim Impfen“, sagte sie in der Sendung „Frühstart“ von RTL und n-tv. „Ich bin ein ganz großer Befürworter, dass man das in die niedergelassenen Praxen bringt – so schnell wie möglich.“

Sie habe großes Vertrauen, dass die niedergelassenen Ärzte die vorgegebene Impfreihenfolge im Großen und Ganzen gut umsetzen können, sagte die Ethikratsvorsitzende. Sie sei zwar dafür, grundsätzlich an der Priorisierung festzuhalten. Aber den Ärzten solle die Möglichkeit gegeben werden, „selbst zu ent­schei­den, wen impfe ich jetzt von meinen Patientinnen und Patienten besonders schnell, wer braucht besonders viel Schutz“.

Der NAV-Virchowbund hat zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung aller niedergelassenen Haus- und Fachärzte auf bei der Coronaimpfkampagne aufgerufen. „Die jährliche Grippeimpfung beweist, dass wir niedergelassenen Ärzte in der Lage sind, innerhalb weniger Wochen mehr als 20 Millionen Menschen zu impfen“, erklärte NAV-Virchowbund-Chef Dirk Heinrich. Niedergelassene Haus- und Fachärzte könnten zum „Game changer“ in der Pandemiebewältigung werden.

„Das Vorhaben, bis zum Sommer jedem in Deutschland ein Impfangebot zu machen, kann nur gelingen, wenn alle, die impfen dürfen auch impfen werden“, erklärte Heinrich. Er sprach von hausärztlichen Inter­nisten und Fachärzten mit hohem Anteil an der Grundversorgung, wie Gynäkologen, HNO-Ärzte oder konservativ tätige Augenärzte.

Heinrich räumte allerdings ein, dass für einen erfolgreichen Start in den Praxen soviel Impfstoff vorhan­den sein müsse, „dass in den Praxen faktisch nicht mehr priorisiert werden muss“. Bislang sind vor allem Impfungen in den Hausarztpraxen geplant.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer kritisierte das Ergebnis der Beratungen. „Herr Spahn zerstört mit seiner ergebnisschwachen Ankündigungspolitik auch noch den letzten Rest an Vertrauen in die Politik der Bundesregierung. Dabei ist Impfen das zentrale Mittel in dieser Krise“, erklärte er.

Nach dem schleppenden Impfstart werden steigende Impfstoffmengen erwartet – und auch ein kurzfris­tiger Nachschub: Die Hersteller Biontech und Pfizer wollen in den nächsten beiden Wochen vier Millio­nen Dosen zusätzlich an die Europäische Union liefern, wie EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Brüssel sagte.

Man habe das Zusatzpaket ausgehandelt, damit EU-Staaten in Coronahotspots impfen und anstecken­dere Virusvarianten bremsen könnten. Vom Zusatzkontingent könnte Deutschland nach dem internen EU-Verteilschlüssel 18,6 Prozent bekommen, also 740.000 Dosen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte nach der Mitteilung der EU an, dass die bayeri­schen Coronahotspots an der Grenze zu Tschechien kurzfristig noch einmal 100.000 zusätzliche Dosen Impfstoff bekommen sollten. Damit gebe es mit den schon versprochenen Sonderzuteilungen insgesamt 150.000 Dosen zusätzlich für die von der britischen Virusvariante besonders betroffenen Grenzregionen.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat schnellstmögliche Coronaimpfungen für die gesamte Bevölkerung an der Grenze zu Tschechien gefordert. „Wir werden dort nicht erfolgreich sein mit den bisherigen Regeln“, sagte er im ZDF-„Morgenmagazin“ und forderte eine „Brandmauer“ gegen die hohen Infektionszahlen in dem Nachbarland. Andernfalls könne sich das erhöhte Infektionsgeschehen in den Grenzregionen auf ganz Deutschland auswirken. © may/dpa/afp/aerzteblatt.de



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