Impfen von Kindern und Jugendlichen: Politik sieht keinen Widerspruch zu STIKO-Empfehlungen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 3. August 2021

Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Bund und Ländern haben gestern beschlossen, dass alle Länder ver­stärkt Im­pfungen für 12- bis 17-Jährige gegen SARS-CoV-2 anbieten wollen. Das steht in Einklang mit den Empfehlungen der Ständigen Impfkom­mis­sion (STIKO), beteuert heute die Politik, auch wenn diese derzeit keine generelle Impfempfehlung ausspreche.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) betonte heute am im rbb-„Inforadio“, die Impfung bleibe freiwillig. Es gebe dabei auch keinen Widerspruch zur STIKO, wie er jetzt konstruiert werde, so Spahn weiter. Die Entscheidung stehe „durch­aus im Einklang mit der STIKO“, sagte er

Diese habe zwar keine generelle Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren abgegeben, diese aber immer­hin als möglich bezeichnet. „Wer will, kann sich impfen lassen, keiner muss“, betonte der Minister. Das sei „kein Gegensatz, sondern wir sind da im Einklang miteinander, das finde ich noch einmal wichtig“.

Kinder über 12 Jahren würden auch jetzt schon geimpft, ergänzte Spahn: Es seien auch schon mehr als 900.000 Kinder und Jugendliche von 12 bis 17 Jahren auf eigenen Wunsch mindes­tens einmal geimpft worden. Das seien etwa 20 Prozent dieser Altersgruppe.

Das Impfen bei Kindern und Jugendlichen sei auch ein emotionales Thema, das in vielen Familien disku­tiert werde, so der Politiker weiter. Deswegen sei das Thema der Politik „ja sehr, sehr wichtig“. Es gehe ausdrück­lich nicht darum, Druck zu machen, meinte Spahn. „Es geht darum, dass wir denjenigen, die ge­impft werden wollen, auch bei den Kindern und Jugendlichen, gemeinsam mit ihren Eltern die Möglich­keit geben."

Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­ter Klaus Holetschek bekräftigte ebenfalls, er sehe in dem geplanten Angebot keinen Widerspruch zur STIKO. Eine individuelle Risikoabschätzung sei sehr wichtig, betonte der CSU-Politiker und Vorsitzende der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) am Abend im ZDF-„heute journal“. Einen Kon­flikt mit der STIKO könne er aber nicht erkennen, „weil wir ja einen Weg gehen, den die STIKO durchaus für möglich hält. Und auf dieser Basis unterbreiten wir jetzt dieses Impfangebot.“

SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas begrüßte den Beschluss der GMK. „Die Impfung schützt Jugendliche vor einer Erkrankung und ist ein wichtiger Baustein dafür, ihnen wieder mehr Normalität zu ermöglichen.“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hielt der STIKO im Deutschlandfunk zuletzt eine „Außenseiter­position“ vor.

Kein großes Konfliktpotenzial

Großes Konfliktpotenzial oder gar eine Beschädigung der wissenschaftlichen Reputation der STIKO durch den aktuellen Dissens mit den politischen Entscheidungsträgern sieht Wolfram Henn, Human­gene­tiker und Medizinethiker an der Universität des Saarlandes und Mitglied des Deutschen Ethikrates, nicht. „Die STIKO ist ein medizinisch-wissenschaftliches Gremium, das sich über Jahrzehnte eine hervorragende fachliche Reputation erworben hat“, sagte er im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Die Aufgabe der STIKO sei die wissenschaftlich begründete Politikberatung. „Politische Entscheidungen treffen aber Regierungen und Parlamente“, betonte er. Dementsprechend sei es grundsätzlich kein unge­wöhnlicher Vorgang, wenn ein wissenschaftliches Gremium eine Empfehlung abgebe und diese aber nicht von der Politik aufgenommen werde.

„Trägerinnen und Träger politischer Verantwortung sind aufgrund ihrer demokratischen Mandatierung selbstverständlich befugt, unter Einbeziehung von über rein wissenschaftliche Bewertungen hinausge­hen­den – beispielsweise gesellschaftspolitischen – Argumenten, Empfehlungen aus der Wissenschaft nicht in ihre Entscheidungen aufzunehmen“, sagte Henn. Dies müssten sie dann allerdings begründen und sich der Kritik in der Öffentlichkeit stellen. „So etwas ist in unserem demokratischen System im Grunde ein völlig normaler Vorgang.“

Wenn die Politik aber, wie es aktuell geschehe, von einem wissenschaftlichen Beratungsgremium eine ihren politischen Vorstellungen entsprechende wissenschaftliche Stellungnahme einzufordern versucht, begehe sie einen systematischen Fehler im Zusammenspiel zwischen Beratung und Entscheidungen in der Politik. „Hier tut die STIKO über die aktuelle Problematik hinaus gut daran, ihre wissenschaftliche Position nicht politisch beeinflussen zu lassen, denn genau dann würde sie ihre Glaubwürdigkeit einbü­ßen“, erklärte der Humangenetiker und Medizinethiker.

Auch Ulrike Protzer, Professorin am Lehrstuhl für Virologie an der Technischen Universität München (TUM) und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina , hält die unterschiedlichen Empfehlungen von STIKO und Politik nicht für problematisch. „Experten entscheiden datenbasiert, so auch die STIKO.

Das mag manchmal nicht dem Wunsch von Politikern entsprechen, die eher pragmatisch orientierte Entscheidungen fällen“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt. Das eine beschädige aber deshalb noch lange nicht das andere. „Die Politik ignoriert die Empfehlung der STIKO ja nicht, sondern sie legt sie nur etwas breiter aus“, so Protzer. Darüber hinwegsetzen würde sie sich nicht. „Und das ist auch gut so.“

Die stellvertretende STIKO-Vorsitzende Sabine Wicker hofft, dass die Reputation der STIKO durch das aktuelle Handeln der Politik nicht beschädigt wird. „Die Aufgabe der STIKO ist es Impfempfehlungen auf der Grundlage der besten verfügbaren Evidenz zu erarbeiten“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt.

Aus ihrer persönlichen Sicht sollte „wissenschaftliche Evidenz die einzig relevante Richtschnur für ein sol­ches Gremium sein“. „Ich kann versichern, dass wir sehr intensiv mit den wissenschaftlichen Daten arbeiten und uns unserer Verantwortung absolut bewusst sind.“

Dass das Handeln der Politik, die STIKO-Empfehlung aktuell zu ignorieren, Einfluss auf künftige Ent­schei­dungen der STIKO – auch zu anderen Impfempfehlungen – haben wird, glaubt sie nicht. Es gebe für die systematische Entwicklung von Impfempfehlungen seit mehreren Jahren eine „Standard Operating Procedure“, sagte sie.

Die STIKO führe bei der Erarbeitung von Impfempfehlungen stets eine Nutzen-Risiko-Bewertung durch. Dieses Verfahren sei internationaler Standard und werde auch Standard bleiben. „Wir treffen wissen­schaftliche, medizinische Entscheidungen, keine politischen“, so Wicker.

STIKO-Empfehlung wird überarbeitet

In Deutschland empfiehlt die unabhängige Ständige Impfkommission derzeit aufgrund der verfügbaren Datenlage keine generelle Impfung von Kindern zwischen 12 und 17 Jahren, sondern nur bei einem hö­heren Risiko für schwerere Coronaver­läufe.

Eine Analyse der neuesten Daten läuft aber und soll in Kürze in einer neuen Empfehlung münden. Wie diese dann aus­fallen wird, ist noch offen. Wie STIKO-Mit­glieder dem Deutschen Ärzteblatt heute auf Nachfrage erklärten, ist mit einer überar­beiteten Empfeh­lung in den nächsten zehn bis 14 Tagen zu rech­nen.

Bei einer Onlineveranstaltung mit der CDU-Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer gestern Abend in Ulm sagte STIKO-Chef Thomas Mertens, dass eine Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht zur Her­den­immunität beiträgt. Der Virologe verteidigte die Position der STIKO, Impfungen für 12- bis 17-Jährige nicht generell zu empfehlen – es sei denn sie leiden unter bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf mit sich bringen.

Dass in anderen Ländern aufgrund derselben Daten aus internationalen Studien andere Entscheidungen gefallen seien, verwundere nicht, so Mertens. Die Auswertung der Daten und die Schlussfolgerungen sei­en immer mit den jeweiligen Voraussetzungen verbunden. Dass etwa in den USA so viele Jugendliche ge­impft seien, sei Folge höherer Anteile an Mangelernährung, Übergewicht und Diabetes in dieser Alters­gruppe.

Bei gesunden Kindern sei eine intensivmedizinische Behandlung eine „absolute Rarität“, Todesfälle gebe es nur bei schwerst vorerkrankten Kindern und Jugendlichen. Die STIKO war für ihre „Außenseiter­posi­ti­on“ kritisiert worden. Einig sind sich laut Mertens die Wissenschaftler aber, dass derzeit für 9,1 Millionen Kinder von 0 bis 11 Jahren in Deutschland eine Impfung nicht infrage komme.

Vertrauen in die STIKO muss bewahrt werden

STIKO-Mitglied Martin Terhardt, selbst Kinder- und Jugendmediziner, machte deutlich, dass es in der Pan­demie immer wieder neue Da­ten gibt, die genau analysiert werden müssten und am Ende auch dazu führen könnten, dass bestehende Empfehlungen sich ändern. Das sei zum Teil schwer verständlich und müsse Ärzten und der Bevölkerung richtig vermittelt werden.

Die Empfehlungen der Politik für eine generelle Impfung von Kindern- und Jugendli­chen im Mai sind aus seiner Sicht aber verfrüht und kontraproduktiv gewesen. Das und die darauf folgende anhaltende offene und heftige Kritik, dass die STIKO die Impfung der 12- bis 17-Jährigen nicht generell empfehlen wolle, hätte zu Verwerfun­gen geführt.

Man dürfe diesen Konflikt aber nicht weiter befeuern, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Er nehme viel­mehr jetzt das „Friedensangebot der Politik“ wahr, sich in ihrem neuen Beschluss zumindest auf die gel­ten­den STIKO-Empfehlungen zu beziehen.

„Das Wichtigste ist das Vertrauen der Menschen in die STIKO zu bewahren“, sagte Terhardt. Es sei aller­dings bereits Vertrauen verloren gegangen und Verunsicherung entstanden. So seien derzeit zum Bei­spiel viele Eltern sehr verunsichert, ob man nun der Empfehlung der STIKO oder aber der Aufforderung der Politik zum generellen Impfen folgen sollte.

Verwundert zeigte er sich darüber, dass die GMK für eine zusätzliche Boosterimpfung in ihrem Beschluss einen beliebigen mRNA-Impfstoff vorsieht und konkret eine dritte Impfung für Immunsupprimierte und Heimbewohner geplant wird. Dazu habe die STIKO aber noch gar keine Empfehlung ausgesprochen, sag­te Terhardt. Dazu werde die STIKO die Evidenz noch zeitnah prüfen. Auch die Frage des richtigen Impf­stof­fes sei noch offen. Aus seiner Sicht sei die Politik damit erneut ohne wissenschaftliche Evidenz vorge­prescht.

Terhardt betonte, dass Politik und STIKO künftig gemeinsam versuchen müssten, das Vertrauen in die evi­denzba­sierten Empfehlungen des Gremiums wieder zu erhöhen. Er hofft darauf, dass die Akzeptanz bei den Ärzten und auch in der Bevölkerung wieder vollständig hergestellt werden kann. Dafür müssten Poli­tik und STIKO aber seiner Meinung nach ihre Entscheidungen und die Gründe dafür besser kommuni­zieren und grundlegender erklären.

Positiv wahrgenommen hat er, dass sich die Ärzteschaft mehrheitlich hinter die STIKO gestellt hat. Und das hat sie erneut nach den gestrigen Beschlüssen von Bund und Ländern getan, wie heute etwa der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), KBV-Chef Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Thomas Kriedel.

„Impfungen von gesunden Kindern und Jugendlichen sind nach heutiger Studienlage offensichtlich in der Risiko-/ Nutzenabwägung noch mit zu vielen Unwägbarkeiten behaftet, um eine generelle Impfemp­fehlung für alle gesunden Kinder auszusprechen“, sagte Gassen. Den derzeitigen STIKO-Empfehlungen sei an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

Leider wälze die Politik ihr Versäumnis, andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um etwa Präsenzunter­richt nach den Sommerferien wieder zu ermöglichen, jetzt auf Kinder und Jugendliche und deren Eltern ab, indem ein erheblicher Impfdruck aufgebaut werde.

„Ich sehe es sehr kritisch, dass von politischer Seite großer Druck auf die STIKO ausgeübt wird. Letztlich handelt es sich doch um eine medizinische Frage, wann jemand geimpft werden sollte“, so Hofmeister. Sie sollte medizinisch, nicht politisch, beantwortet werden. Es sollte vielmehr alles daran gesetzt werden, die noch nicht geimpften Erwachsenen vom unbestrittenen Sinn der Impfung für diese Gruppe zu über­zeugen.

Zum Aspekt möglicher Drittimpfungen erläuterte er: „Eine Auffrischungsimpfung für klar definierte Grup­pen ist sinnvoll. Das zeigen auch die wissenschaftlichen Daten. Wir brauchen eine klare Vorgabe der STIKO. Diese Vorgabe aus der Wissenschaft muss dann politisch geregelt werden. Nicht umgekehrt.“

Auch die Hausärzte in Deutschland haben mit Unverständnis auf den Beschluss der Ge­sund­heits­mi­nis­ter reagiert. Warum eine Empfehlung der STIKO zu dieser Frage auf der Basis fundierter Studien nicht abge­wartet werden könne, sei ihm „schleierhaft“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärztever­bands, Ulrich Weigeldt, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Das Ganze klinge ein wenig nach Wahl­kampfgetöse.

Weigeldt warf den Ge­sund­heits­mi­nis­tern eine „Missachtung der Kompetenz“ der STIKO vor und warnte, dass der Beschluss zum Impfangebot zu Verunsicherung führen könne. Zudem liege das Pandemierisiko derzeit „mehr bei den nicht impfwilligen Erwachsenen als bei den Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren“.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (Virchowbund) bezeichneten es heute als „kontraproduktiv“ die unabhängigen, wissen­schaft­lich begründeten Empfehlungen der STIKO infrage zu stellen.

„In der derzeitigen Diskussion werden epidemiologische Pandemiebekämpfung, Individualschutz und Sozialpolitik in ungünstiger Weise völlig durcheinandergeworfen. Hier wäre eine transparente Begrün­dung zur jeweiligen Entscheidung mit Darstellung der Gewichtung der verschiedenen Aspekte wichtig, egal welche Institution in der Pandemie eine Empfehlung oder Entscheidung trifft“, sagte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach.

„Wir werden auch in Zukunft zum Erhalt einer breiten Impfbereitschaft eine unabhängige, wissenschaft­liche und glaubwürdige Institution benötigen, der die Menschen vertrauen und die ihnen Schutz vor po­li­­tischer Einmischung bietet“, betonte Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes.

In der Sache selbst begrüßen BVKJ und Virchowbund die Ankündigung der STIKO, sich in den nächsten Tagen zur Frage der Impfung Jugendlicher und zu den Auffrischungsimpfungen zu äußern. Beide Ver­bände halten dies allerdings auch für überfällig. © kna/dpa/afp/ER/may/aerzteblatt.de


/dpa | Frank Rumpenhorst

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