Familiäre Belastung bei Long COVID hoch

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 11. März 2022


Long COVID beeinflusst Familien besonders stark, darunter insbesondere weibliche Familien­mitglieder ab 14 Jahre. Bisherige Studien zur Prävalenz von Long COVID haben sich bisher überwiegend auf individuelle Risikofaktoren konzentriert. Familien haben jedoch einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden vom Nachwuchs.

So sind einige Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen, wie zum Beispiel chronische Schmerzen und Fatigue mit entsprechenden Symptomen, Stress und/oder Erziehungsverhalten der Eltern assoziiert. Da­her könnten Familienstrukturen auch eine Rolle bei der Long-COVID-Symptomatik spielen. Vor diesem Hintergrund erhoben Freiburger Wissenschaftler per online Umfrage, ob 11 - 12 Monate nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 Familienmitglieder Long-COVID-Symptome aufwiesen (Lancet 2022; DOI: 10.2139/ssrn.4048831).

Es wurden 1.267 Familienmitglieder aus 341 Haushalten (404 Kinder im Alter von <14 Jahren, 140 Ju­gendliche im Alter von 14-18 Jahren und 723 Erwachsene) befragt, die entweder selbst mit SARS-CoV-2 infiziert waren oder über ein Familienmitglied exponiert.

Die Prävalenz von mittelschweren bis schweren persistierender Symptomen war bei infizierten Frauen signifikant höher als bei exponierten Frauen (36,4% vs. 14,2%), ähnlich hoch war die Rate bei infizierten jugendlichen Mädchen (32,1% vs. 8,9%). Infizierte Männer berichteten insgesamt weniger häufig von Long-COVID-Symptomen als Kontrollen (22,9% vs. 10,3%).

Unter den Symptomen nannte infizierte Frauen häufiger mittelschwere oder schwere Fatigue (p=0,007), verminderte körperlicher Belastbarkeit (p=0,033), Dysgeusie/Dysosmie (p=0,003) und Schlafprobleme (p=0,010). Infizierte Männer hatten eine höhere Prävalenz von mittelschwerer oder schwerer Dysgeusie / Dysosmie (p=0,006) als ihre exponierten Kontrollen.

Darüber hinaus zeigten infizierte Erwachsene eine insgesamt höhere Prävalenz von mittelschwerer oder schwerer Atemnot als exponierte Erwachsene (p=0,022). Bei infizierten jugendlichen Mädchen war bei­spielsweise die Prävalenz einer mäßig oder stark beeinträchtigten körperlichen Belastbarkeit höher als bei exponierten jugendlichen Mädchen (p=0,007).

Bei männlichen, infizierten Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) und Kindern unter 14 Jahre waren moderate oder schwere anhaltende Symptomen genauso häufig, wie bei den Kontrollen, die nur exponiert waren. Frauen, jugendliche Mädchen und Männer hatten 11-12 Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion jeweils ein höheres Risiko für Long COVID, als exponierte Kontrollen. Wenn einzelne Familienmitglieder Long-COVID-Symptome hatten, berichteten andere Haushalts­mitglie­der ebenfalls häufiger davon, betonen die Studienautoren. Daher scheint der familiäre Kontext bei Long COVID von Bedeutung zu sein, so dass Interventionen gegen Long COVID auch die Familien­ebene be­rücksichtigen sollten, schlussfolgern die Studienautoren.

Long COVID trifft also den gesamten Haushalt, was eventuell über das Maß der Long-COVID-Symptome hinaus geht und auch psychische Belastungen und Ängste in den Familien auslösen kann.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass infizierte Kinder unter 14 Jahren keine erhöhten Risiken für Long COVID tragen, deren Krankheitsverlauf nach bisheriger Datenlage durch milde oder gar keine Symptome geprägt ist. Long-COVID-Symptome sind bei Erwachsenen häufiger und differenzierter bei Jugendlichen zu betrachten, wo insbesondere junge Frauen häufiger mindestens ein Long-COVID-Symptom nannten.

Da Long COVID überwiegend weibliche Familienmitglieder betraf, die über 14 Jahre alt waren, sollten Präventionsstrategien vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 und Long-COVID-Therapiestrategien ge­schlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen, empfehlen die Studienautoren.


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