Ethikrat plädiert für Ausbau der Suizidprävention und Stärkung der Selbstbestimmung

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 22.9.2022


Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatte um eine gesetzliche Neuregelung der Suizid­assistenz hat sich der Deutsche Ethikrat eindeutig für eine Stärkung der Suizidprävention ausgesprochen. Gleich­zeitig betonte das interdisziplinär besetzte Gremium, das die Politik in ethischen Fragestellungen berät, den notwendigen Respekt vor einer freiverantwortlichen Suizidentscheidung des Einzelnen.

In seiner heute vorgelegten Stellungnahme „Suizid – Verantwortung, Prävention und Freiverantwortlichkeit“ setzt sich der Rat jedoch nicht mit den drei vorliegenden Gesetzesvorschlägen zur Suizidassistenz auseinan­der, die im Juni in erster Lesung im Bundestag diskutiert und in diesem Herbst abschließend im Parlament beraten werden sollen. Er formuliert auch keine konkreten Regelungsempfehlungen.

Vielmehr möchte Rat mit seiner ausführlichen Stellungnahme ein angemessenes Bewusstsein für die Viel­schichtigkeit von Suizidalität schaffen, die Voraussetzungen freiverantwortlicher Suizidentscheidungen prä­zisieren und die unterschiedlich gelagerten Verantwortungen verschiedener Akteure im Kontext von Suizid­entscheidungen und -prävention aufzeigen.

„Suizidprävention ist als Thema in der Politik angekommen, aber noch nicht durchgreifend“, sagte die Vorsitz­en­de des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, heute bei der Präsentation des Papiers. Bezüglich suizidpräven­ti­ver Maßnahmen in Deutschland bestünde noch deutlich „Luft nach oben“.

„Wir betonen dies und hoffen, dass der Aspekt Eingang in die Gesetzgebung findet“, sagte die Ärztin und Me­dizinethikerin. „Wer sich damit beschäftigt, ob und gegebenenfalls wie die Beihilfe zum Suizid in Deutschland reguliert werden soll, der muss gleichzeitig die Bedingungen und Verantwortlichkeiten einer echten und um­fassenden Suizidprävention in den Blick nehmen.“

Ein Anlass für die Stellungnahme des Rates ist das Urteil Bundesverfassungsgericht vom 26. Februar 2020, mit dem der Straftatbestand der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für verfassungswidrig und nichtig erklärt wurde. Seitdem laufen hierzulande wieder gesellschaftliche Debatten zum angemessenen Umgang mit suizidalen Krisen, der (ärztlichen) Suizidassistenz und seiner Regulierung.

Auch für den Deutschen Ethikrat ist das Thema nicht neu: Bereits 2014 und 2017 hatte er sich in zwei Ad-hoc-Empfehlungen mit Fragen der Suizidassistenz beschäftigt. Mit dieser Stellungnahme setzt er das Thema fort, betont aber schwerpunktmäßig die Suizidprävention.

„Wir unterstreichen, dass Staat und Gesellschaft nicht das Recht haben, Menschen gegen ihren Willen an der Verwirklichung freiverantwortlich getroffener Suizidentscheidungen zu hindern“, sagte Buyx. „Aber der Res­pekt vor freiverantwortlich getroffenen Suizidentscheidungen darf nicht bedeuten, dass uns Suizide – als Individuen, institutionell oder gesellschaftlich – egal sein dürfen.“

Anhand zwölf ausgewählter Fallvignetten veranschaulicht der Rat die personalen, sozialen und gesellschaftli­chen Seiten von Suizidalität, um die Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses auf freiverantwortliche Suizid­entscheidungen sowie mögliche Interventionsformen auszuloten. Betont wird dabei, dass meist ein längerer Prozess innerer und äußerer Einengungen und Belastungen den Suizidgedanken vorausgeht.

Ursachen können psychische und insbesondere depressive Störungen sowie körperliche Leiden über Isolation und Einsamkeit bis hin zur Lebenssattheit sein, verdeutlichen die Beispiele anschaulich. Aber auch die soziale und die gesellschaftliche Umwelt als Einflussfaktoren auf Suizidgedanken und deren Entwicklung bleiben nicht unerwähnt.

Intensiv diskutiert der Rat in der Stellungnahme den Aspekt der Freiverantwortlichkeit. Dazu würden im Gre­mium verschiedene Auffassungen vertreten, räumte Buyx ein. Einigkeit bestünde jedoch darin, dass die Anfor­derungen an die Freiverantwortlichkeit der betroffenen Person nicht den Verfügungsspielraum über ihr Leben nehmen dürfen.

Auch freiverantwortliche Suizidentscheidungen resultieren jedoch überwiegend aus Lebenslagen, in denen die Verwirklichung von Grundbedürfnissen massiv erschwert ist, sagte der Sprecher der ratsinternen Arbeits­gruppe, der Jurist Helmut Frister.

„Das auch in solchen Fällen zu respektierende Selbstbestimmungsrecht entlastet Staat und Gesellschaft in keiner Weise von der Verantwortung, so weit wie möglich dafür Sorge zu tragen, dass Menschen nicht in Situ­ationen geraten und verbleiben, in denen sie sich genötigt sehen, den Tod als vermeintlich kleineres Übel dem Leben vorzuziehen.“ Es sei zu beachten, dass Suizide nie nur die jeweilige Person beträfen, sondern auch ihr Umfeld und die Gesellschaft.

Es bestünde eine persönliche sowie gesellschaftliche Verantwortung, betonte der Theologe Andreas Lob-Hü­de­pohl. Neben den Angehörigen stünden besonders professionelle Fachkräfte in Verantwortung. Bezüglich der Suizidprävention sieht er hier auch Defizite.

„In allen ambulanten und stationären Einrichtungen, die immer wieder mit suizidalen Personen konfrontiert werden, müssen speziell qualifizierte Fachkräfte bereitstehen, die bei Bedarf mindestens die verfügbaren medizinischen, pflegerischen, psychosozialen wie seelsorgerisch-spirituelle Begleitungsangebote vermitteln können“, mahnte er. Nicht zu vergessen seien die Beratungsangebote des Allgemeinen Sozialdienstes oder spezifische Angebote für spezifische Lebenskrisen wie Cybermobbing, Überschuldung, oder Vereinsamung.

Einrichtungen der Langzeitpflege oder des Hospizwesens müssten ihre Angebote konsequent an den Zielen der Suizidprävention orientieren und Lebensbindungen zu stärken, betont das Gremium. „Eine umfassende Palliativkultur kann Suizidwünschen am Lebensende entgegenwirken“, so Lob-Hüdepohl. Sollte sich allerdings der Suizidwunsch verdichten, könnten diese Einrichtungen prinzipiell Suizidassistenz bieten – je nach eige­nem Verständnis innerhalb ihrer Einrichtung oder außerhalb.

„Mindestens stehen sie in der Gewährleistungsverantwortung, dass diesem Suizidwilligen die Umsetzung seiner freiverantwortlichen Entscheidung nicht verwehrt oder verunmöglicht wird“, sagte Lob-Hüdepohl mit Verweis auf einige katholische Einrichtungen. Gleichzeitig sei es „ein Gebot der Transparenz“, dass sie die spe­zifische Art und Weise ihres Umgangs mit manifestem Suizidwillen und Assistenzbegehren in ihrem Haus klar und offen kommunizieren und gegebenenfalls in ihrem Leitbild verankern.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sprach sich angesichts der Stellungnahme auch für mehr Suizidprä­vention aus, betonte jedoch, dass derzeit die medizinisch-pflegerischen Angebote in Deutschland nicht in der Lage seien, Selbstbestimmung zu stärken und Fremdbestimmung auszuschließen.

„Denn auch Psychotherapie und Würde wahrende Pflege sind für viele sterbenskranke, lebenssatte oder psychisch kranke Menschen unerreichbar", sagte Vorstand Eugen Brysch. Um die Autonomie der Sterbewilligen zu wahren, müsse der Bundestag mindestens die Suizidbeihilfe gegen Geld verbieten.

Ebenso sollte das Handeln des einzelnen Sterbehelfers strafrechtlich in den Fokus rücken. „Jeder Suizidhelfer hat persönlich zu garantieren, dass die Entscheidung ohne Einfluss und Druck seitens Dritter zustande kommt“, forderte Brysch.


Alena Buyx, Vorsitzende Deutscher Ethikrat/dpa, Michael Kappeler

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