Erste Impfung gegen die Pocken liegt 225 Jahre zurück

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 30. Juni 2021

Inmitten der Coronapandemie und im Kampf gegen SARS-CoV-2 erhält das Impfen weltweit große Aufmerksam­keit. Dank gebührt auch Edward Jenner, dem Entdecker der ersten Schutzimpfung gegen die Pocken im Jahr 1796. Die Versuche sind heute 225 Jahre her und sie waren riskant.

Der britische Arzt Edward Jenner (1749-1823) gilt als „Vater der Immunologie“, der Lehre von Abwehrme­chanismen des Körpers. Vor 225 Jahren vollzog er die erste erfolgreiche Impfung gegen die gefährlichen Pocken mit einem „Kuhpockenimpfstoff“ – in Zeiten der Coronoapandemie eine wichtige Erinnerung an die Bedeutung dieser Entdeckung.

Jenner wird 1749 in Berkley in der Grafschaft Gloucestershire geboren. Sein Vater ist der Vikar Berkleys. Vater und Mutter sterben, als Jenner fünf Jahre alt ist. Seine ältere Schwester nimmt sich seiner an und sorgt dafür, dass er bis zu seinem 13. Lebensjahr die Schule besucht.

In seiner Kindheit erkrankt Jenner infolge einer sogenannten Variolation, einer bewussten Ansteckung mit einer geringen Menge Pockenviren, schwer an den Pocken und überlebt nur knapp. Die ersten Versu­che einer Immunisierung gegen Infektionskrankheiten sind eine riskante Frühform der Lebendimpfung, die etwa in China praktiziert wird.

Im Anschluss an seine Schulzeit beginnt Jenner bei Wundärzten und Chirurgen, unter anderen bei den Brüdern Daniel und Edward Ludlow, in die Lehre zu gehen. 1770 nimmt er eine dreijährige Ausbildung in Anatomie und Chirurgie am St. George's Hospital auf und kehrt bereits 1772 nach Berkley zurück, um dort eine eigene Arztpraxis zu eröffnen.

Im 18. Jahrhunderts sind Infektionskrankheiten ein Übel, das Millionen Menschen das Leben kostet. Da­runter sind gefährliche Krankheiten wie der „Würgeengel“ der Kinder, später Diphtherie genannt, die Ma­sern, Cholera oder Typhus. Die Pocken sind ein besonders gefährlicher und tödlicher Erreger.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sterben Schätzungen zufolge bis zu zehn Prozent aller Kleinkinder an den Pocken. Noch wissen die Menschen nicht, dass Viren und Bakterien die Krankheiten auslösen und wie sie bekämpft oder gar ausgerottet werden können.

Jenner wird oft zugeschrieben, dass er erstmals erkannte, dass die – auf den Menschen übertragbaren, aber für ihn ungefährlichen – Rinderpocken gegen die „richtigen“ Pocken immunisierten. Vor ihm hatte aber bereits ein Kollege, der Landarzt John Fewster, diese Entdeckung gemacht. Landarbeiter, die sich mit harmloseren Kuhpocken infizierten, waren offensichtlich gegen die gefährlichen Menschenpocken im­mun.

Jenner forscht weiter zu dieser Entdeckung und wagt am 14. Mai 1796 den entscheidenden Schritt. Er infiziert den achtjährigen James Philipps, Sohn seines Gärtners, über eine Wunde am Arm mit dem Kuh­pockeneiter einer erkrankten Milchmagd. Der Junge wird ebenfalls krank an den unangenehmen, aber harmlosen Kuhpocken. Nach zehn Tagen ist er wieder gesund.

Sechs Wochen später, am 1. Juli 1796, also vor genau 225 Jahren, wagt Jenner den zweiten und riskante­ren Schritt, wieder an dem Jungen, der als zweifaches Versuchskaninchen herhalten muss. Jenner ritzt Philipps erneut eine Wunde in den Oberarm und reibt dieses Mal das infektiöse Wundsekret einer an den echten Pocken erkrankten Person in die Wunde.

Weder der Arzt noch der Vater des Kindes wissen, ob der Junge dieses Experiment überleben wird. Doch er erkrankt nicht. Die erste Pockenschutzimpfung mit dem Impfstoff Rinderpockenlymphe ist geglückt. Jenner nennt sein Verfahren „Vaccination“, nach vacca, dem lateinischen Wort für Kuh.

Um seine Methode bekannt zu machen, schreibt er darüber einen Artikel. Dieser wird jedoch zunächst von der Royal Society zurückgewiesen. Deshalb infiziert Jenner weitere Menschen, auch seinen wenige Monate alten Sohn.

Der Grundstein für die laut Robert-Koch-Institut (RKI) „wichtigsten und wirksamsten präventiven Maß­nahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen“, ist gelegt. Was folgt, ist der Beginn einer weltweiten Impfkampagne gegen die Pocken, die 1980 zur völligen Ausrottung der Krankheit führt. © kna/aerzteblatt.de


Jenners erste Pockenimpfung, Farblithographie, um 1865, nach Zeichnung von Albert Chereau; Paris (Imp. Godard) o.J. Berlin, Slg.Archiv f.Kunst & Geschichte. /picture-alliance, akg-images



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