Erste Ergebnisse zu Spätfolgen bei Kindern mit COVID-19 aus Deutschland

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 3.3.2022


Die Datenlage zu Long COVID oder dem Post-COVID-Syndrom bei Kindern und Jugendlichen ist dünn – vor allem für Kinder, die jünger als 11 Jahre alt sind. Die Prävalenzen in Studien variieren von weniger als 1 % bis zu mehr als 10 %. In einem Editorial forderte die Fachzeit­schrift Nature daher im Februar, dass dringend mehr Kinder in Studien zu Long COVID eingeschlossen werden müssten.

In Deutschland laufen mehrere Studien mit Kindern und/oder Jugendlichen: Am 1. April 2022 starten das Universitätsklinikum Jena, die Technische Universität Ilmenau und die Universität Magdeburg mit LongCOCid. Die Krankheitslast nach einer SARS-CoV-2-Infektion soll per Fragebogen bei etwa 500 Kindern und Jugendlichen mit einer ebenso großen Kontrollgruppe verglichen werden, die an einer anderen Infektion erkrankt waren.

Die Kontrollpatienten müssen beim selben Kinderarzt gewesen sein, zur gleichen Zeit sowie eine vergleichbare Geschlechts- und Altersverteilung aufweisen, erläuterte der Projektkoordinator Daniel Vilser von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Jena.

Ziel ist eine Behandlung für diese Altersgruppe sowie deren Rehabilitation zu etablieren. Bei etwa 150 Kindern mit bestätigtem Long COVID werden die Ergebnisse bildgebender und funktioneller Organunter­suchungen ausgewertet, beispielsweise Ultraschalluntersuchungen von Herz und Lunge.

Im Blut selbst werden zudem immunologische Marker und Stoffwechselprodukte erfasst, die auf Entzün­dungsprozesse oder neuronale Schäden hinweisen könnten. Über diese immunologischen Veränderun­gen wollen die Forschenden zum Beispiel herausfinden, ob Kinder und Jugendliche mit Long COVID besonders gefährdet sind, Autoimmunerkrankungen oder Allergien zu entwickeln.

„Wir gehen davon aus, dass durch die Verknüpfung unserer Daten mit allen Daten des Konsortiums Biomarker identifiziert werden können, die zur Diagnose von Long COVID und zur Vorhersage des lang­fristigen Krankheitsverlaufs beitragen“, erläutert Monika Brunner-Weinzierl, Leiterin der Experimen­tel­len Pädiatrie der Universitätsmedizin Magdeburg und verantwortlich für ein Teilprojekt des Vorhabens.

Ergebnisse aus Bayern: Kinder hatten deutlich höhere Antikörperantworten

Auch an mehreren Standorten in Bayern beschäftigen sich Forschende mit den Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern und Jugendlichen. Im Frühsommer 2020 startete das Projekt CoKiBa. Erste Ergebnisse hat das Team um Michael Kabesch von der Kinderuniversitätsklinik Ostbayern (KUNO) an der Klinik St. Hedwig des Krankenhauses der Barmherzige Brüder Regensburg im Oktober 2021 in Frontiers in Pediatrics publiziert.

„Langfristig reagieren Kinder immunologisch anders auf COVID-19 als Erwachsene“, erklärt Kabesch, das Resultat der Auswertung von 2.832 Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren. Bei 162 Kindern konnten SARS -CoV-2-Antikörper identifiziert werden. Es zeigte sich, dass die Antikörperantworten dieser Kinder über­pro­­por­tional hoch waren. 2 von 3 Kindern (n = 97) waren in den obersten 3 % der Testergebnisse aller Antikörpertests zu finden – sowohl für Antikörper gegen das N-Protein, als auch gegen das S-Protein.

Auf ihrer Projekt-Webseite wird die Schlussfolgerung formuliert: Was bei der akuten Infektionsbewälti­gung bei Kindern von Vorteil zu sein scheint, könnte nach Wochen und Monaten zum Pädiatrischem Multiorgan Immunsyndrom (PMIS) beziehungsweise Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) und zu anderen Spätschäden beitragen.

„Derzeit arbeiten wir an der Auswertung der Nachuntersuchungen nach einem Jahr bei knapp 100 Kindern mit COVID-19“, berichtete Kabesch dem . Eine erste Veröffentlichung von Teilergebnissen unter der Leitung von Lorenz Thurner vom Universitätsklinikum des Saarlandes soll schon bald publiziert werden.

In einer weiteren geplanten Publikation zu follow CoKiBa gehe es um die Immunologie bei Kindern nach COVID-19 und auch um Long- beziehungsweise Post-COVID-Symptome, verrät Kabesch. Zudem läuft ein Modellprojekt des Bayerischen Gesundheitsministeriums, das im Herbst 2021 angelaufen ist: die Post COVID Kids Bavaria Studie. Sie untersucht bayernweit Kinder mit Long und Post COVID, um Therapie­optionen und Diagnostik mit Versorgungsforschung zu evaluieren.

Preprint: Verlust des funktionellen Lungenparenchyms bei COVID-19 und Long-COVID

Die 1. Phase einer weiteren Studie zu Long COVID bei Kindern haben Forschende der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Erlangen bereits abgeschlossen und Ende Februar vorläufige Ergebnisse in einem Preprint bei Medrxiv publiziert (2022; DOI: 10.1101/2022.02.21.22270909).

Das Autorenteam um den Leiter der Arbeitsgruppe Pädiatrische Experimentelle und Translationale Bildgebung, Ferdinand Knieling, hatte mehr als 50 Kinder (5 bis 18 Jahre jung) nach einer PCR-bestä­tigten SARS-CoV-2-Infektion mittels funktioneller Niederfeld-Magnetresonanztomografie (MRT) unter­sucht.

Bei der Hälfte der Kinder waren die Kriterien für Long COVID erfüllt. Die Kontrollgruppe war mit 9 (von ursprünglich 17) gesunden Kindern klein, was die Autoren auch als Einschränkung im Preprint erwähnen. Weitere Einschränkungen seien das Fehlen von Längsschnittdaten sowie ein möglicher Selektionsbias, da die meisten Familien mit akut oder postakut symptomatischen Kindern teilnahmen und somit eine höhere Krankheitslast vorgelegen haben könnte.

Das vorläufige noch nicht im Peer Review überprüfte Ergebnis: Nach einer SARS-CoV-2-Infektion könnten bei Kindern und Jugendlichen ohne schwere COVID-19-Pneumonie auch noch 3 bis 11 Monate nach der Erkrankung pulmonale Veränderungen auftreten.

Bei einer Long-COVID-Symptomatik war der Verlust des funktionellen Lungenparenchyms nur leicht ausgeprägter als bei genesenen Kindern, aber in beiden Fällen deutlich ausgeprägter als bei gesunden Kindern. Auch Ventilations- und Perfusionsdefekte wurden sichtbar, jedoch nicht immer signifikant. Ein Vergleich mit dem Verlust von funktionellem Lungenparenchym etwa bei Asthma oder Mukoviszidose Patienten wäre als Einordnung hilfreich gewesen.

Interessant sind die Daten aus Erlangen auch für den Kinderkardiologen Vilser und sein LongCOCid-Team. Was ihm noch fehlt, ist eine Zuordnung zu Symptomen: Hatten Patienten mit Dyspnoe besonders auffällige Befunde?

Des Weiteren merkte Vilser an, dass klinische Angaben sowie eine Echokardiografie und ein Lungenfunk­tionstest gut gewesen wären. „Auch eine Aussage zur Belastbarkeit oder Fatigue und einer eventuellen Korrelation klinischer Symptome zu den gefundenen Veränderungen fehlt mir, da wir nach Möglichkeiten suchen genau diese häufig diffusen Beschwerden mit objektiven Methoden zu quantifizieren“, so Vilser. Auch wenn der Preprint derzeit nur eine Orientierung gebe und sich noch im Review Verfahren befinde, sehen die ersten Ergebnisse laut Vilser dennoch vielversprechend aus.

Art und Häufigkeit von Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen unklar

Im Vergleich zu Erwachsenen deuten Studien darauf hin, dass COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen milder verläuft und innerhalb weniger Wochen ausheilt. Das zeigt eine Studie in Lancet Child Adolescent Health 2021 bei 151 Kindern im Alter von 1 bis 8 Jahren, die 3-6 Monate nach Infektion untersucht wurden.

Gleichzeitig wächst die Zahl der Belege für postakute Folgeerscheinungen und Symptome in diesen Altersgruppen: In JAMA 2021 wurden dazu 1.355 Kinder im Alter von 9-13 Jahren 6 Monate nach Infektion untersucht; in Acta Paediatric 2021 wurden 129 Kinder im Alter von 6-15 Jahren 6 Monate nach Infektion untersucht. Dabei würden zwar die Multiorganschäden nach einer COVID-19-Infektion immer besser verstanden (Nature Medicine 2021) – Art, Häufigkeit und Definition von Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen seien aber nach wie vor unklar, schreiben die Autoren um Knieling in ihrer Einleitung.

Die Forschenden aus Erlangen weisen zudem auf Studien zu Krankheitsmanifestationen hin. Bedenken würden beispielsweise aufgrund einer erhöhten Thrombosegefahr, Mikroangiopathien und Entzündun­gen bestehen (Journal of Thrombosis and Haemostasis 2021, Lancet Child Adolesc Health 2021).

Prävalenz von Long COVID variiert stark

Versucht man stichhaltige Daten zur Prävalenz zu finden, stößt man auf eine breite Palette an Ergeb­nissen. In größeren Studien wurde die Prävalenz von Long COVID bei Kindern und Jugendlichen mit 2 bis 13 % angegeben (Preprint Europe PMC 2021: Alter 11-17 Jahre; Review in The Pediatric Infectious Disease Journal 2021).

In einer dänischen Kohortenstudie aus diesem Jahr mit 15.041 SARS-CoV-2 positiven Kindern und 15.080 Kindern ohne vorherige Infektion berichteten im Alter von 0 bis 17 Jahren 28 % der infizierten Kinder von Symptomen, die länger als 4 Wochen andauerten – dagegen 27,2 % der nicht infizierten (28% versus 27,2%; p = 0,020, Differenz: 0,8%).

Die Autoren vermuten, dass 0,8 % eine zuverlässigere Schätzung der tatsächlichen Long-COVID-Präva­lenz sein könnte. Je nach Alter verschwanden die Symptome bei mindestens 54 bis 75 % der Kinder innerhalb von 1 bis 5 Monaten.

Die häufigsten Long-COVID-Symptome waren Fatigue, Geruchs- und Geschmacksverlust, Schwindel, Muskelschwäche, Brustschmerzen und Atemprobleme. In den meisten Fällen waren die Symptome nach ein bis fünf Monaten wieder abgeklungen.

"Die Belastung der Familien und Patienten existiert aber real, auch bei Kindern, auch wenn es oft sehr schwierig ist, das Krankheitsbild einzuordnen und abzugrenzen." Michael Kabesch, Kinderuniversitätsklinik Ostbayern (KUNO) an der Klinik St. Hedwig des Krankenhauses der Barmherzige Brüder Regensburg

„Insgesamt wissen wir noch sehr wenig über Long- beziehungsweise Post COVID bei Kindern“, sagt auch der Kinderarzt, Kinderpneumologe und Allergologe Kabesch. Die Häufigkeit sei nicht einzuschätzen, weil systematische Studien fehlen würden. „Die Belastung der Familien und Patienten existiert aber real, auch bei Kindern, auch wenn es oft sehr schwierig ist, das Krankheitsbild einzuordnen und abzugrenzen“, betont Kabesch. Statt zu sagen „das gibt es gar nicht oder es sei nicht schlimm“ appelliert er für mehr Forschung.

Fachzeitschrift fordert mehr Forschung

Ähnlich klingt es bei Nature. In einem Editorial forderte die Fachzeitschrift kürzlich: Es müssten dringend mehr Kinder in Studien zu Long COVID eingeschlossen werden.

Dünn sei die Studienlage vor allem für Kinder, die jünger als 11 Jahre alt seien. Dabei ist genau das die Gruppe, die auch in Deutschland die niedrigste Impfquote aufweist: Etwa jedes 5. Kind zwischen 5 und 11 Jahren hat eine Erstimpfung, 16,7 % sind mit 2 Impfungen grundimmunisiert laut Statista.

Die Zahlen decken sich mit denen des Robert-Koch-Instituts. Gleichzeitig ist die 7-Tage-Inzidenz bei den 4- bis 9-Jährigen (3.379,9) und den 10- bis 14-Jährigen (3.502,11) auch in der Kalenderwoche 6 wieder am höchsten im Vergleich zu anderen Altersgruppen.

Mit die besten Erkenntnisse zu Long COVID bei jüngeren Menschen stammen laut Nature-Editoral aus der Studie Children & Young People with Long Covid (CLoCk), über die auch das Deutsche Ärzteblatt berichtet hat.

Bei etwa der Hälfte der fast 7.000 teilnehmenden 11- bis 17-Jährigen war der PCR-Test auf SARS-CoV-2 positiv; die andere Hälfte war negativ und diente als Kontrollgruppe. Über 3 oder mehr Symptome klagten fast doppelt so viele Jugendliche der testpositiven Gruppe als in der Kontrollgruppe (30,3 % versus 16,2 %).

Die CLoCk-Studie lege nahe, dass allein im Vereinigten Königreich Zehntausende von Kindern und Jugendlichen Long COVID haben könnten, schlussfolgert das Nature Editorial. Dies decke sich mit einer Schätzung des britischen Office for National Statistics, wonach 44.000 2- bis 11-Jährige im Land Long COVID hätten und 73.000 12- bis 16-Jährige. Diese Zahlen würden zeigen, dass eine beträchtliche Anzahl jüngerer Menschen Long COVID entwickeln würde.

Die Fachzeitschrift kommt daher zu dem Schluss, dass das Handeln der Regierungen unverantwortlich sei, die Ausbreitung des Virus in dieser Altersgruppe zuzulassen – insbesondere in Ländern, in denen die Mehrheit der Kinder nicht geimpft sei.

Pädiatrische Fachgesellschaften sehen keinen Anlass zur Sorge bei hohen Infektionszahlen

In einem gemeinsamen Aufruf hatten sich in Deutschland erst kürzlich mehrere pädiatrische Fachgesellschaften und auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) geäußert: Die hohen Infektionszahlen in dieser Altersgruppe seien aus ihrer Sicht kein Anlass zur Sorge, da das Auftreten von schweren Erkrankungsfällen in dieser Altersgruppe weiterhin gering sei. Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder seien zudem durch die etablierten Hygienemaßnahmen ausreichend geschützt, wenn Erkrankte in Eigenverantwortung zu Hause bleiben, wie es auch vor der Pandemie üblich gewesen wäre.

Anlasslose Massentests, insbesondere in Schulen und KiTas, würden dabei jedoch keinen erkennbaren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten. Das Deutsche Ärzteblatt hat darüber berichtet.


/picture alliance, ROBIN UTRECHT

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