Drei Szenarien für eine Zukunft mit SARS-CoV-2

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 9. Juli 2021

Fachleute gehen davon aus, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 vorerst nicht ausgerottet werden kann. Ob und wann es ein Ende geben könnte und welche Risiken drohen, damit hat sich ein Wissen­schaftlerteam jetzt auseinandergesetzt. Der Beitrag ist in Nature erschienen (DOI: 10.1038/s41586-021-03792-w).

Der Artikel beginnt zwar optimistisch mit der Aussage, dass es eine realistische Erwartung sei, die Pan­demie dank der globalen Anstrengungen beim Impfen unter Kontrolle zu bringen. Das Autorenteam um Amalio Telenti und Davide Corti, das beim Pharmaunternehmen Vir Biotechnology und verschiedenen Forschungsinstitutionen arbeitet, geht aber auch auf noch unabsehbare Entwicklungen und Unsicher­heiten ein.

Von 3 vorstellbaren Szenarien, die das Team nennt, ist eines besonders beunruhigend: Dass die Mensch­heit die Pandemie eben doch nicht schnell kontrollieren könne und auch künftig mit schweren Verläufen und einer hohen Zahl an Infizierten zu kämpfen haben werde – was wiederum die Weiterent­wicklung des Virus begünstigen könne.

Ein 2. und wahrscheinlicheres Szenario sei der Übergang von Corona in eine saisonale Krankheit wie die Grippe. Effektive Therapien wie etwa im Labor hergestellte Antikörperpräparate könnten helfen, die Krankheitsschwere und die Rate der Krankenhausaufnahmen und Todesfälle massiv zu senken, schreiben die Autoren.

Die Autoren des Nature-Beitrags erinnern aber auch daran, dass mit Influenza pro Jahr schätzungsweise mehrere Hunderttausend Todesfälle weltweit einhergehen. „Dies ist eine äußerst erhebliche gesund­heit­liche Belastung und entspricht einem relativ optimistischen Blick auf die Zukunft der SARS-CoV-2-Pan­demie“, halten sie zu diesem Szenario fest.

Als 3. – und wohl optimistischste – Option nennen die Autoren den Übergang von Corona in eine Krank­heit mit vergleichsweise deutlich weniger schwerer Symptomatik, ähnlich bei den altbekannten Corona­viren. Mehrfach betonen die Autoren jedoch, dass es nicht möglich sei, sicher vorherzusagen, ob die Krankheitsschwere von Corona tatsächlich mit der weiteren Anpassung an den Menschen zu- oder abnimmt und wie lange eine solche Entwicklung dauern könnte.

Eine irgendwann mögliche Entwicklung hin zu einem grippe- oder erkältungsähnlichen Erreger vielleicht mit Spitzen in den Wintermonaten dürfte nach Schätzung der Autoren jedenfalls nicht eintreten, bevor es unter anderem eine weiter verbreitete Immunität in der Bevölkerung gibt. Telenti und Corti blicken auch auf die Influenzapandemie von 1918/19: Nachkommen des Erregers H1N1 hätten noch bis in die 1950­er-Jah­re hinein Epidemien hervorgerufen.

Auch die Entwicklung von Varianten, die dem Immunsystem von Geimpften und Genesenen entgehen können, bleibt laut dem Beitrag ein Risiko. Dadurch, dass die Pandemie derzeit in vielen Weltregionen nicht oder nur unvollständig unter Kontrolle sei, bestehe die Gefahr, dass sich mehr Virusvielfalt heraus­bilde.

Solche Entwicklungen mit neuen Werkzeugen vorhersagen zu können, wäre laut den Autoren för­der­lich. Auch eine mögliche Rolle von Tierarten, in denen das Virus zirkulieren und sich weiter verändern könnte, heben sie hervor.

Sie halten jedoch fest, dass bisher eine relativ begrenzte Zahl an Mutationen unabhängig voneinander in mehreren Varianten auftauchte, was auf eine konvergente und möglicherweise eingeschränkte Evolution von Corona hinweise.

Das deckt sich mit Einschätzungen des Berliner Virologen Christian Drosten: „Es gibt aus virologischer Sicht gute Gründe anzunehmen, dass SARS-2 gar nicht mehr so viel mehr auf Lager hat als das, was es uns bisher zeigen konnte“, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Onlinemagazin „Republik“.

Drosten rechnet auf lange Sicht damit, dass sich SARS-CoV-2 wie ein Erkältungscoronavirus verhalten werde. In den kommenden 2 bis 4 Jahren seien Übergangszustände zu erwarten – das Virus werde Impflücken nutzen, sagte er Ende Mai in einer Anhörung im Parlamentarischen Begleitgremium COVID-19-Pandemie des Bundestags. © dpa/aerzteblatt.de


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