Die COVID-19-Pandemie beeinflusst Traumabewältigung negativ

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 9.2.2022



Die Verarbeitung von potenziell traumatischen Erlebnissen infolge von Gewalt, Unfällen oder ernsthaften Bedrohungen wird durch die pandemische Situation erschwert.

Niederländische Forscher von der Universität Tilburg untersuchten, inwiefern die COVID-19-Pandemie Einfluss auf die Genesung und mentale Verfassung von Traumapatienten hat. In der Längsschnitt­studie wurden Traumapatienten (insgesamt n=750, 2 Kohorten [T1 u. T2]) und Kontrollen (insgesamt n=3245, 2 Kohorten [TK1 und TK2]) jeweils zu 2 Zeitperioden vor (T1: 3/2018-3/2019) und während (T2: 3/2020-3/2021) der COVID-19-Pandemie bewertet (British Journal of Psychiatry, 2022; DOI: 10.1192/bjp.2021.226.

Die Prävalenz von mittelschweren Angst- und Depressionssymptomen, allgemeinen psychischen Proble­men unterschied sich zwischen den Kontrollen und Traumagruppe signifikant. Die Pandemie hatte jedoch kaum Einflüsse auf die psychische Gesundheit der Kontrollgruppen.

Die beiden Traumagruppen unterschieden sich zum Beispiel hinsichtlich der Prävalenz von Angst- und Depressionssymptomen, die vor der Pandemie bei 26,4 % lag und zu Pandemiezeiten auf 37,6 % stieg. Außerdem berichteten mehr Traumapatienten von allgemeinen psychischen Gesundheitsproblemen (30,4 % vs. 18,8 %) und wiesen zudem häufiger eine mutmaßliche posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf (28,1 % vs. 19,9 %).

Darüber hinaus sank der Anteil an Patienten mit hohem Selbstwirksamkeitserleben in der Pandemie von 89,4 % auf 81,0 %. Die Autoren nehmen daher an, dass Stressoren wie Lockdowns, Infektions- und andere Gesundheitsrisiken oder die Gefahr arbeitslos zu werden, die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen nachteilig beeinflusst.

Erwachsene, die während der COVID-19-Pandemie traumatisiert wurden, hatten häufiger PTBS, Angst- und Depressionssymptome, allgemeine psychische Probleme und ein geringeres Selbstwirksamkeitserle­ben als diejenigen, die zuvor Opfer wurden. Die COVID-19-Pandemie wirkte sich somit negativ auf die psychische Gesundheit und die Selbstwirksamkeit von Traumapatienten aus, wohingegen die psychische Gesundheit in den beiden Kontrollgruppen praktisch stabil war.

Die negativen psychischen Folgen von traumatischen Ereignissen fielen während der Pandemie schwer­wiegender aus als vor der Pandemie, schlussfolgern die Studienautoren. Daher plädieren die Wissen­schaft­ler dafür, etwaig höhere Belastungen bei der Versorgung von Traumapatienten zu berücksichtigen und den Zugang zu psychosozialen Gesundheitsdiensten während pandemischen Zeiten durchweg auf­recht zu erhalten.


/Photographee.eu, stock.adobe.com

0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen