COVID-19: Wie Forscher zukünftige Pandemien verhindern wollen

Deutsches Ärzteblatt vom Montag 7.2.2022


SARS-CoV-2 ist nicht das erste Virus, das vom Tierreich auf den Menschen übertragen wurde, und die meisten Experten sind sich einig, dass es nicht der letzte neue Zoonoseerreger mit einem Potenzial zur Pandemie gewesen sein wird.

In einem Report in Science Advances (2022; DOI: 10.1126/sciadv.abl4183) fordert eine internationale Forschergruppe eine Reihe von präventiven Maßnahmen.

Seit 1951, dem Entdeckungsjahr des Hantaanvirus, sind nicht weniger als 28 neue zoonotische Viren aufgetreten, die bei Menschen tödliche Erkrankungen auslösen können. Darunter sind einige allgemein bekannte wie HI-Virus, Ebola-, Lassa-, West-Nil-, Chikungunya- und Zikavirus sowie die beiden SARS-Viren und das MERS-Virus.

Auch die Influenza-Viren H2N2, H3N2 und H1N1, die 1951 die asiatische Grippe, 1969 die Hongkong­grippe und 2008 die Schweinegrippe ausgelöst haben, gehören zu den „Emerging Viruses“.

Andere wie die Erreger des Kyasanur-Waldfiebers aus Indien sind kaum bekannt oder wie das Puumala­virus aus Finnland nur für wenige Todesfälle verantwortlich. Bis auf das Affenpockenvirus gehören alle Erreger zu den einsträngigen RNA-Viren.

Aus der Zeitschiene, die Aaron Bernstein von der T.H. Chan School of Public Health in Boston und Mitar­beiter von 21 Instituten aus verschiedenen Ländern jetzt vorstellen, geht jedoch hervor, dass die Abstän­de zwischen den neu entdeckten Erregern kürzer werden und vor allem eine Ausbreitung über mehrere Kontinente hinweg häufiger geworden ist. Den Anstieg der Zoonosen erklären die Forscher mit der Zu­nah­me des Wildtierhandels, der Expansion der Landwirtschaft und der Zerstörung der tropischen Regen­wälder.

Eine direkte Gefahr gehe vermutlich von der industrialisierten Viehwirtschaft aus, vor allem, wenn die Ställe sich in der Nähe natürlicher Forsten befänden. So sei das Niphavirus in Malaysia auf einer großen Schweinefarm entstanden. Die Viren seien von Fledermäusen auf Schweine und von Schweinen auf Menschen übertragen worden. Pandemische Grippeviren sind ebenfalls über Schweine oder Geflügel auf den Menschen übertragen worden. Eine Forderung der Experten ist deshalb, die Zahl der Veterinäre zu erhöhen, die regelmäßig die Viehbestände auf neue Viren überprüfen müssten.

Eine weitere Maßnahme wären Einschränkungen des Wildtierhandels. Allein in der Kongo- und Amazo­nas­region würden jährlich 1,3 bis 4,5 Mio. Wildtiere zum Kauf angeboten. Wie schnell die Viren in die Industrieländer gelangen, zeigte sich beim Ebola-Restonvirus, das mit Makaken aus den Philippinen in ein US-Tierversuchslabor nach Reston/Maryland eingeschleppt wurde. Das Affenpockenvirus gelangte mit der Gambiariesenhamsterratte als exotisches Haustier in einige Haushalte in Texas.

Der Wildtierhandel müsste nach Ansicht der Forscher besser kontrolliert werden. Die Maßnahmen, die China nach dem Beginn der Coronapandemie getroffen hat, werden hier als durchaus sinnvoller Ansatz gesehen. Der Handel mit Wildtieren und der Verzehr von Wildtieren wurde von der Regierung in Peking verboten.

Eine steigende Gefahr geht nach Ansicht der Forscher auch von der Abholzung der Regenwälder aus. In den gerodeten Regionen siedeln sich häufig Menschen an, die durch ihre Tätigkeit in Waldnähe gefährdet sind, sich mit zoonotischen Viren zu infizieren. Die Erkrankungen würden kaum rechtzeitig erkannt, da es in diesen Pionierregionen in der Regel an einer medizinischen Infrastruktur fehle, warnen die Forscher. Die Abholzung des Regenwaldes sollte deshalb auch zum Schutz vor neuen Pandemieerregern reduziert werden.

Eine weitere Maßnahme wäre die Einrichtung einer globalen Datenbank für Virusgenome. Die Speiche­rung der Gendaten könnte es Forschern in Zukunft erleichtern, den Ursprung der Epidemie zu orten und dadurch die Ausbreitung zu stoppen.

All diese Maßnahmen wären teuer. Ein globales Forschungsprogramm zur Entdeckung von Viren würde 120 bis 340 Mio. US-Dollar kosten, die Früherkennung und -bekämpfung der Viren 217 bis 279 Mio. US-Dollar, die Überwachung des Wildtierhandels 250 bis 750 Mio. US-Dollar und die Kontrolle der Farmen 476 bis 852 Mio. US-Dollar. Um die Entwaldung der tropischen Wälder zu stoppen, müssten 1,53 bis 9,59 Mrd. US-Dollar aufgewendet werden.

All diese Ausgaben seien jedoch geringer als die Kosten, die durch die Pandemien in Zukunft entstehen könnten. Die Forscher legen hierzu eine Modellrechnung vor. Sie geht davon aus, dass im Durchschnitt jedes Jahr 3,3 Mio. Menschen an viralen Zoonosen sterben. Diese verhältnismäßig hohe Zahl erklärt sich aus der Einbeziehung der Spanischen Grippe, an der 50 Mio. Menschen gestorben sein sollen (an COVID-19 sind bis Ende Januar 5,7 Mio. gestorben).

Der geschätzte Wert der verlorenen Lebenszeit belaufe sich auf mindestens 350 Milliarden US-Dollar (sogenannte „Willingness to Pay“). Hinzu kämen 212 Milliarden US-Dollar an direkten wirtschaftlichen Verlusten. Insgesamt könnten die Schäden 20-fach teurer sein als das angedachte Maßnahmenpaket kosten würde, schreibt das Team um Aaron Bernstein.


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