COVID-19: Stärkster Rückgang der Lebenserwartung seit dem 2. Weltkrieg

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 27. September 2021


Die COVID-19-Pandemie hat im letzten Jahr in Westeuropa zum größten Einbruch der Lebens­erwartung seit dem 2. Weltkrieg geführt. In Osteuropa wurden laut der Publikation im International Journal of Epidemiology (2021; DOI: 10.1093/ije/dyab207) die Auswirkungen durch das Ende des Ost­blocks übertroffen. Noch stärker waren die Folgen für die USA.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind im letzten Jahr 1,8 Millionen Menschen an COVID-19 gestorben. In vielen Ländern ist es zu einem Anstieg der Mortalität gekommen. José Manuel Aburto vom Leverhulme Centre for Demographic Science an der Universität Oxford und Mitarbeiter haben die Auswirkungen auf die Lebenserwartung ab der Geburt und der Restlebenserwartung im Alter von 60 Jahren berechnet. Die Analyse umfasst 27 Staaten in Europa sowie Chile und die USA, die ein mit Europa vergleichbares Sterberegister führen.

In allen Ländern war es in den 5 Jahren vor der Epidemie zu einem Anstieg der Lebenserwartung bei der Geburt um 1 bis 3 Monate pro Jahr gekommen. Am stärksten hatten zuletzt litauische Männer profitiert. Dort war die Lebenserwartung ab der Geburt um mehr als 5 Monate pro Jahr gestiegen – möglicherweise eine späte Erholung von den Einbußen der postsowjetischen Ära, als die Lebenserwartung vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion stark gefallen war.

Diese Gewinne der letzten 5 Jahre gingen im Jahr 2020 in den meisten Ländern durch COVID-19 verlo­ren. Mit Ausnahme der Frauen in Finnland und beider Geschlechter in Dänemark und Norwegen kam es in allen Ländern zu einem Rückgang der Lebenserwartung. Bei Frauen lag die Lebenserwartung 2020 in 15 von 29 Ländern und bei Männern in 10 der 29 Länder niedriger als im Jahr 2015, das aufgrund einer ungewöhnlich starken Grippesaison bereits ein außergewöhnlich schlechtes Jahr war.

Frauen verloren 2020 in 8 Ländern und Männer in 11 Ländern mehr als 1 Jahr an Lebenserwartung. Einen solchen Rückgang hatte es laut Aburto in vielen westeuropäischen Ländern seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr gegeben.

In den osteuropäischen Ländern waren die Einbußen größer als nach der Auflösung des Ostblocks. In Litauen, Bulgarien und Polen verloren die Männer 2020 mehr als 1,5 Jahre. Noch größer waren die Aus­wir­kungen in den USA. Dort ging die Lebenserwartung der Männer um 2,2 Jahre zurück. Frauen verloren in den USA und Spanien mehr als 1,5 Jahre Lebenserwartung.

Im Alter von 60 Jahren erlitten Männer in Polen, den USA und Spanien die größten Verluste an Rest­lebens­erwartung mit jeweils mehr als 1,4 Jahren. Bei Frauen im Alter von 60 Jahren ging die verblie­bende Lebenserwartung in Spanien, den USA und in Belgien um mehr als 1,2 Jahre zurück.

In einigen Ländern kam es vor allem bei Männern auch bei Erwachsenen unter 60 Jahren zu einem An­stieg der Sterblichkeit. Darunter waren die USA. Dort trugen die unter 60-Jährigen am meisten zum Ver­lust der Lebenserwartung bei Männern bei. In den USA dürfte nach Einschätzung von Aburto der un­gleich­mäßige Zugang zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sowie ein struktureller Rassismus zum Anstieg der Sterblichkeit im jüngeren Erwachsenenalter beigetragen haben.

In Deutschland waren die Verluste vergleichsweise gering. Aburto gibt den Rückgang der Lebenserwar­tung mit 0,23 Jahren bei Frauen und 0,38 Jahren bei Männern an. Für 60-Jährige sank die durchschnitt­liche Restlebenserwartung bei Frauen um 0,26 Jahre und bei Männern um 0,38 Jahre.

Die Lebenserwartung dient der Veranschaulichung der Mortalität, ist aber mehr als sie ein statistisches Konstrukt. Die Lebenserwartung bei der Geburt ist definiert als das Alter, das ein Neugeborenes durch­schnitt­lich erreichen würde, wenn die altersspezifische Mortalität künftig konstant bleibt.

Nach dem Ende der COVID-19-Epidemie könnte demnach die Lebenserwartung ab der Geburt wieder ansteigen. Derzeit ist allerdings in einigen Ländern – vor allem in den USA – ein negativer Trend infolge der Lebensweise (Überernährung und Bewegungsmangel) zu beobachten.


/Hyejin Kang, stock.adobe.com

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