COVID-19: Schwere Erkrankungen hinterlassen bei älteren Menschen häufig kognitive Störungen

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 11. März 2022


Unter den ersten Senioren, die im Frühjahr 2020 in Wuhan wegen einer schweren COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt wurden, ist es im Folgejahr zu einer Häufung von kognitiven Störungen und Demenzen gekommen, wie chinesische Forscher in JAMA Neurology (2022; DOI: 10.1001/jamaneurol.2022.0461) berichten.

Ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS) kann zu langfristigen kognitiven Störungen führen. Gefährdet sind vor allem ältere Menschen, wobei die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung mit maschineller Beatmung ein wichtiger Risikofaktor ist. Es war deshalb zu befürchten, dass es unter den Patienten, die zu Beginn der Pandemie in Wuhan in 3 eilig eingerichteten Spezialkliniken behandelt wurden, zu kognitiven Spätschäden kommt. Ein Team um Yan-Jiang Wang von der Daping Klinik in Chongqing (800 km westlich von Wuhan) hat sich nach 6 und 12 Monaten telefonisch nach dem kognitiven Status von 1.438 älteren COVID-19-Überleben­den (Durchschnittsalter 69 Jahre) erkundigt.

Dies geschah einmal mit dem Fragebogen TICS-40 („Telephone Interview of Cognitive Status-40“), einem mit der Mini–Mental State Examination (MMSE) vergleichbaren Screeningtest. Zum anderen wurden die Angehörigen mit dem Fragebogen IQCODE („Informant Questionnaire on Cognitive Decline in the Elderly“) nach dem Zustand der Genesenen befragt. Als Vergleichsgruppe dienten 438 Ehepartner, die nicht an COVID-19 erkrankt waren.

Wie Wang berichtet, kam es vor allem bei den schwer erkrankten Patienten im ersten Jahr nach der Entlassung zu kognitiven Störungen. Als schwer erkrankt wurden Patienten eingestuft, bei denen es während der Klinikbehandlung zu deutlichen Störungen der Lungenfunktion (Atemfrequenz über 30/Minute, schwere Atemnot oder Sauerstoffsättigung unter 90 %) gekommen war.

In dieser Gruppe hatten 41 % eine High-Flow-Sauerstofftherapie erhalten, 32 % waren maschinell be­atmet worden. Nach 6 Monaten erfüllten 10 % der Patienten die Screening-Kriterien einer Demenz, nach 12 Monaten war der Anteil auf 15 % angestiegen. Hinzu kamen bei beiden Untersuchungen 26 % der Patienten, bei denen eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) vorlag, aus der sich eine Demenz entwickeln kann.

Bei einem Fünftel der Patienten (21,1 %) hatte sich der Zustand nach 12 Monaten gegenüber 6 Monaten weiter verschlechtert. Wang ermittelte für diese Gruppe der schwer Erkrankten eine Odds Ratio (gegen­über den Kontrollen) von 19,00 die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 9,14 bis 39,51 signifikant war.

In einer weiteren Gruppe (9,6 % der schwer Erkrankten), die nach 6 Monaten noch unauffällig waren, fanden die Forscher nach 12 Monaten erstmals Hinweise auf eine kognitive Störung (Odds Ratio 7,58; 3,58-16,03). In einer dritten Gruppe (39,6 % der schwer Erkrankten) hatte sich der Zustand nach den ersten 6 Monaten stabilisiert (Odds Ratio 4,87; 3,30-7,20).

Bei den Senioren, bei denen es in der Klinik zu keiner schweren Störung der Lungenfunktion gekommen war, waren die Auswirkungen weniger dramatisch. Wang ermittelte eine Odds Ratio von 1,71 (1,30-2,27) für einen frühzeitigen Rückgang der kognitiven Funktionen.

Bei den dramatischen Zahlen ist sicher zu bedenken, dass die Behandlung der ersten Patienten in Wuhan unter schwierigen Bedingungen in teilweise provisorisch errichteten Kliniken erfolgte. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob aus anderen Ländern ähnliche Zahlen berichtet werden. Im ungünstigsten Fall müsste in den nächsten Jahren mit einem Anstieg von Demenzerkrankungen gerechnet werden.


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