COVID-19: Längeres Dosierungs­intervall scheint Wirkung von Astrazeneca-­Impfstoff zu verbessern

Deutsches Ärzteblatt vom 22.2.2021

Eine Verlängerung des Intervalls zwischen den beiden Dosierungen, die in Großbritannien praktiziert und in anderen Ländern diskutiert wird, führt beim SARS-CoV-2-Impfstoff AZD1222 von Astrazeneca nicht zu einer Abschwächung der Schutzwirkung.

Eine explorative Analyse aus 4 klinischen Studien kommt im Lancet (2021; DOI: 10.1016/S0140-6736(21)00432-3) sogar zu dem Ergebnis, dass die Schutzwirkung nach der 1. Dosis bis zu einem Dosierungsintervall von 3 Monaten langsam zunimmt. Nach der 2. Dosis kommt es zu einen weiteren Anstieg.


Der an der Universität Oxford entwickelte Impfstoff „ChAdOx1 nCoV-19“, der ein Adenovirus von Schim­pansen nutzt, um die Gene für die Impfstoffproduktion in die menschlichen Zellen zu schleusen, war ursprünglich für eine 1-Mal-Gabe entwickelt worden. In der Phase-1-Studie stellte sich jedoch heraus, dass eine 2. Dosis die Antikörperantwort verstärken kann.

Bei der weiteren Planung wurde dann nicht bedacht, dass das Immunsystem nach der 1. Dosis auch Antikörper gegen das Adenovirus bildet und damit die Boosterwirkung einer 2. Dosis abschwächt, wenn sie mit demselben Adenovirus erfolgt.

Dies erklärt vermutlich ein paradoxes Ergebnis der im November vorgestellten Zwischenergebnisse der klinischen Studien zu AZD1222: Die beste Impfstoffwirksamkeit wurde bei Probanden erzielt, die beim 1. Termin nur die halbe Dosis erhalten hatten. Bei Probanden, die bei beiden Terminen die volle Dosis erhal­ten hatten, war Impfstoffwirksamkeit deutlich abgeschwächt.

Die abschließenden Ergebnisse, die nach einer Vorveröffentlichung auf dem SSRN-Server jetzt im Lancet publiziert wurden, bestätigen dies: Die neue Analyse basiert auf 332 COVID-19-Fällen (gegenüber 131 in der Interimsanalyse).

Von den 8.597 Geimpften erkrankten 84 (1,0 %) an COVID-19. In den Kontroll­gruppen gab es 248 COVID-19-Fälle auf 8.581 Nicht-Geimpfte (2,9 %). Dies ergibt nach den Berechnungen des Teams um Andrew Pollard von der Oxford Vaccine Group insgesamt eine Impfstoffwirksamkeit von 66,7 % mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 57,4 bis 74,0 %.

In der Gruppe, die 2 Mal die Standarddosis erhalten hatte, lag die Impfstoffwirksamkeit bei 63,1 % (51,8 bis 74,0 %). In der Gruppe, die beim 1. Termin eine niedrigere Dosis erhalten hatte, lag sie bei 80,7 % (62,1 bis 90,2 %).

Wie bei den anderen Impfstoffen werden schwere Erkrankungen häufiger verhindert als asymptoma­tische Infektionen. In der Impfstoffgruppe musste kein einziger Teilnehmer wegen COVID-19 im Kran­ken­haus behandelt werden, in der Kontrollgruppe waren es 15 Patienten. Die Impfstoffwirksamkeit liegt damit bei 100 %. Das untere Ende des 97,5-%-Konfidenzintervall liegt bei 72,2 %. AZD1222 ist damit ein hocheffektiver Impfstoff, der die Kliniken und Intensivstationen entlasten könnte. Dort wo er eingesetzt wird, sollte die Zahl der schweren Erkrankungen zurückgehen.

In den Studien, die in Großbritannien, Brasilien und Südafrika durchgeführt wurden, gab es keine strikten Regelungen für das Intervall zwischen den beiden Impfungen. Zwischen den beiden Terminen lagen zwischen 22 und 90 Tage. In dieser Zeit, also vor der 2. Dosis, war bereits eine gute Impfstoffwirk­samkeit nachweisbar. Pollard gibt sie insgesamt mit 76,0 % an.

Eine explorative Analyse ergab, dass die Schutzwirkung im Verlauf des Intervalls vor der 2. Dosis keines­wegs nachließ – jedenfalls nicht bei den Probanden, die bei dem ersten Termin die volle Standarddosis erhalten hatten. Hier kam es sogar zu einem tendenziellen Anstieg der Impfstoffwirksamkeit von 55,1 % (33,0 bis 69,9 %) bei einem Intervall von weniger als 6 Wochen auf 81,3 % (60,3 bis 91,2 %) bei einem Intervall von 12 Wochen oder mehr.

Diese Beobachtungen werden durch immunologische Daten gestützt: Die Teilnehmer, bei denen die Auffrischung nach mehr als 12 Wochen erfolgte, hatten mehr als doppelt so hohe Antikörpertiter wie diejenigen, die die 2. Dosis innerhalb von 6 Wochen nach ihrer ersten Impfung erhalten haben.

In einer weiteren explorativen Analyse haben die Forscher die Entwicklung bei Teilnehmern verfolgt, die sich gegen eine 2. Impfdosis entschieden hatten. Auch hier war in den ersten Monaten keine Abschwächung der Impfstoffwirksamkeit erkennbar, obwohl die Antikörpertiter langsam zurückgingen. Jenseits der 3-Monats-Grenze deutet sich ein Einbruch der Schutzwirkung an (der wegen der geringen Zahl der Personen jedoch nicht signifikant ausfiel).

Die Ergebnisse dieser Analyse unterstützen die Entscheidung der britischen Impfkommission („Joint Committee on Vaccination and Immunisation"), die eine Verschiebung der 2. Dosis auf bis zu 3 Monate erlaubt, um mit der begrenzten Impfstoffmenge möglichst viele Personen impfen zu können.

Da es sich um eine nachträgliche explorative Analyse handelt und nicht um eine randomisierte Studie, gibt es gewisse Einschränkungen: Die Probanden, die sich gegen eine 2. Dosis entschieden hatten waren jünger und häufiger weiblich (was für niedrigeres Erkrankungsrisiko spricht). Sie waren zudem häufiger im Gesundheitswesen beschäftigt und eher aus Brasilien, was ebenfalls die Ergebnisse der explorativen Analyse verfälscht haben könnte. © rme/aerzteblatt.de



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