COVID-19-Impfungen: Schutz nimmt nach 6 Monaten graduell ab

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 16. September 2021


Neue klinische sowie Real-World-Daten bestätigen, dass Impfungen gegen COVID-19 bis zu 6 Monate lang wirksam schützen – auch in Zeiten von Delta. Zu beobachten ist aber eine mit der Zeit immer ausgeprägtere Abnahme des Schutzes vor Durchbruchinfektionen – und dass es dabei doch deut­liche Unterschiede zwischen den Vakzinen gibt, wie 4 aktuell erschienene Studien zeigen.

Aktuelle Real-World-Daten zu COVID-19-Vakzinen stammen von den US-Centers for Disease Control (CDC). Ihre Studie basiert auf 32.867 Arzt-Patienten-Kontakten zwischen Juni und August 2021, darunter auch 14.636 Hospitalisierungen. In diesem Zeitraum wurde die Delta-Variante gerade die vorherr­schende Virusvariante in den USA.

In dieser Analyse schützte eine COVID-19-Impfung (über alle Impfstoffe hinweg) mit einer Effektivität von 82 % (95-%-KI = 81 %–84 %) vor einem COVID-19-bedingten Besuch einer ambulanten Klinik („Urgent Care“) oder einer Notaufnahme und zu 86 % (95-%-KI = 82 %–89 %) vor einer COVID-19-bedingten Hospitalisierung.

Am höchsten war die Impfeffektivität bei dem Vakzin von Moderna, das zu 92 % vor einem COVID-19-bedingten Klinikbesuch und zu 95 % vor einer COVID-19-bedingten Hospitalisierung schützte. Die ent­sprechenden Impfeffektivität des Vakzins von Biontech/Pfizer lag bei 77 bzw. 80 % und die von Janssen bei 65 bzw. 60 %.

Der mediane Zeitraum von der vollständigen Impfung bis zu einem COVID-19-bedingten Klinikbesuch oder einer COVID-19-bedingten Hospitalisierung lag bei 110 bzw. 93 Tagen (Biontech/Pfizer), 106 bzw. 96 Tagen (Moderna) und 94 bzw. 94 Tagen (Janssen).

Geringere Vakzineffektivität bei Älteren beobachtet

Diese Schätzungen zur Vakzineffektivität entsprächen den Daten aus den Monaten bevor Delta sich durch­gesetzt habe, schreibt das CDC. Allerdings sei die Vakzineffektivität bei älteren Leuten (≥75 Jahre) signifikant geringer gewesen als bei jüngeren Studienteilnehmern.

Diese moderate Abnahme müsse allerdings mit Vorsicht interpretiert werden, so die US-Behörde. Mögli­che Gründe könnten Veränderungen von SARS-CoV-2, eine Abnahme des Impfschutzes im Laufe der Zeit oder eine Kombination dieser Faktoren sein.

Die Vakzineffektivität in Abhängigkeit von der seit der Impfung vergangenen Zeit wird in dieser Studie erst noch untersucht. Hinweise auf die Dauer des Impfschutzes liefert aber eine neue Analyse des offenen Teils der Phase-III-Studie COVE zum COVID-19-Impfstoff von Moderna. Sie zeigt ein geringeres Risiko für Durchbruchinfektionen bei Teilnehmern, die erst kürzlich geimpft wurden (im Median 8 Monate nach der 1. Dosis) als bei Teilnehmern, die im letzten Jahr geimpft wurden (im Median 13 Monate nach der 1. Dosis).

Verglichen wurden 14.746 ursprünglich auf die Impfung randomisierte Teilnehmer (geimpft von Juli-Oktober 2020) mit Teilnehmern, die ursprünglich ein Placebo erhalten und dann von Dezember bis März geimpft worden waren (n=11.431).

Mehr Durchbruchinfektionen bei länger zurückliegender Impfung

In der Gruppe, in der die Impfung noch nicht so lange zurückliegt, kam es zu 88 Durchbruchinfektionen (49,0 Fälle pro 1.000 Personenjahre). In der bereits früher in 2020 geimpften Gruppe waren es dagegen 162 Durchbruchinfektionen (77,1 Fälle pro 1.000 Personenjahre).

Die Inzidenzrate war somit in der später geimpften Gruppe um 36 % (95-%-KI 17-52) geringer als in der früher geimpften Gruppe. Eine Adjustierung der Daten um Alter und Risikofaktoren änderte an diesem Ergebnis nichts.

Die Zahl schwere Durchbruchinfektionen lag bei 19. Hier gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen früher und später geimpfter Gruppe, aber einen Trend hin zu etwas weniger schweren Fällen in der später geimpften Gruppe (3,3 vs. 6,2 pro 1.000 Personenjahre).

Neue Erkenntnisse zur Real-World-Effektivität der COVID-19-Vakzins von Moderna liefert auch eine pros­pektive Kohortenstudie aus Südkalifornien. Eingeschlossen wurden 352.878 Personen, die sich bis 30. Juni 2021 an Kliniken des Betreibers Kaiser Permanente impfen ließen. Als Vergleichsgruppe diente eine gematchte Kohorte von nicht-geimpften Personen.

Heraus kam, dass die 2-malige Impfung mit dem mRNA-Vakzin von Moderna zu 87 % (99,3-%-KI 85-90) vor einer COVID-19-Diagnose und zu 96 % (99,3-%-KI 91-98) vor einer Hospitalisierung aufgrund von COVID-19 schützt.

Die Autoren um Katia Bruxvoort betonen, dass die Studie während des zunehmenden Aufkommens der Delta-Variante in den USA durchgeführt wurde; sie machte bei den vollständig Geimpften 47 % der Infektionen aus.

Untersuchung von Schutzwirkung und Sicherheit

Und auch für den Impfstoff von Biontech/Pfizer gibt es neue Daten zur Dauer des Impfschutzes: In einer multinationalen Studie (USA, Argentinien, Brasilien, Südafrika, Deutschland und Türkei) wurden 44.165 Personen ab 16 Jahren und 2.264 Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren randomisiert auf eine 2-fach-Impfung mit Comirnaty® im Abstand von 21 Wochen oder Placeboinjektionen. Untersucht wurde der Schutz vor laborbestätigten COVID-19-Infektionen und die Sicherheit der Impfung, beides evaluiert 6 Monate nach der Impfung.

Es bestätigte sich, dass die Impfung einen über 6 Monate anhaltenden hohen Schutz bietet. Die Wirksam­keit lag über den Nachbeobachtungszeitraum bei 91,3 % (95-%-KI 89,0-93,2). Es war aber eine graduelle Abnahme des Impfschutzes zu beobachten: Während die Vakzineffektivität bis zu 2 Monaten nach der Impfung noch bei 96,2 % lag, betrug sie ab dem 4. Monat nur noch 83,7 %.

Über verschiedene Länder und Populationen mit verschiedenen Altersprofilen, Geschlechtern, Rassen oder ethnischen Gruppen sowie COVID-19-Risikofaktoren hinweg lag die Impfstoffeffektivität zwischen 86 und 100 %.

Vor einem schweren COVID-19-Verlauf schützte die Comirnaty®-Impfung zu 96,7 % (95-%-KI 80,3-99,9). In Südafrika, wo im Studienzeitraum die Beta-Variante vorherrschte, lag die Vakzineffektivität bei 100 % (95-%-KI 53,5-100).

Das Sicherheitsprofil zeigte keine Überraschungen im Vergleich zu früheren Untersuchungen und wird von den Autoren als „akzeptabel“ bewertet: Nur wenige Teilnehmer hätten Nebenwirkungen gehabt, die zu einem Studienabbruch geführt hätten.



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