COVID-19-Impfungen erhöhen Infertilitätsrisiko von Frauen nicht

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 26. Januar 2021

Zu den Hauptbefürchtungen bezüglich der Nebenwirkungen einer Impfung gegen COVID-19 zählt inzwischen die These, sie könne Frauen unfruchtbar machen. In manchen Medien rangiert dieser Vorwurf noch vor allen anderen Risiken wie etwa Erbgutschäden.

Umfragen in England haben ergeben, dass dies einer der Hauptgründe ist, warum insbesondere junge Frauen im Alter von 18 bis 34 Jahren der Impfung reserviert gegenüberstehen und ein Viertel von ihnen sie für sich ablehnt.


Udo Markert, Leiter des Plazentalabors an der Universitätsklinik für Geburtsmedizin in Jena und Präsi­dent der European Society for Reproductive Immunology hat jetzt mit dem Direktor der Klinik, Ekkehard Schleußner, eine wissenschaftlich begründete Stellungnahme dazu abgegeben.

„Nachdem wir erfahren haben, dass diese Fake News viele Frauen, darunter auch weibliche Pflegekräfte, so verunsichert haben, dass sie die Impfung ablehnten, wollten wir medizinische Tatsachen dagegen halten“, so Schleußner, der als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) vorsteht. Beide empfehlen die Impfung vielmehr explizit allen Frauen, um eine COVID-19-Erkrankung und deren großenteils noch unbekannten langfristigen Folgen zu vermeiden.

Hintergrund der Behauptung, eine COVID-19-Impfung erhöhe das Infertilitätsrisiko bei Frauen, ist die These, diese Impfstoffe würden Antikörper induzieren, die sich auch gegen planzentare Gewebsmerk­ma­le richten könnten. Das beruht jedoch auf Unkenntnis der Plazentastrukturen.

Bei den im Augenblick in Europa zugelassenen Impfstoffen gegen SARS-CoV2 – Comirnaty (Bion­tech/Pfi­zer) und COVID-19 Vaccine Moderna (Moderna) – handelt es sich um Messenger RNA (mRNA). Diese lässt größtenteils lokal im Bereich der Injektionsstelle von körpereigenen Zellen Proteine produ­zieren, die den Spikes an der Oberfläche der Coronaviren ähneln und Immunzellen dazu anregen, ent­sprechende spezifische Antikörper zu produzieren.

Das Corona-Spike-Protein besteht aus 1.273 Aminosäuren, darunter die Sequenz VVNQN. Eine ebenfalls aus fünf Aminosäuren bestehende Sequenz, die zwar ähnlich, aber keineswegs identisch ist, nämlich VVLQN, befindet sich in einem Protein, das in der menschlichen Plazenta gebildet wird. Es handelt sich um Syncytin-1, das aus 538 Aminosäuren besteht und die VVLQN Abfolge an Position 378-382 enthält. Es besteht somit eine etwa 0,75 prozentige Strukturähnlichkeit.

Diese VVLQN-Aminosäuren-Sequenz ist jedoch für Antikörper, wie immer diese auch induziert worden sind, nicht unmittelbar zu erreichen, wie bereits vor vielen Jahren in einer Arbeit aus Taiwan nachgewie­sen werden konnte: Sie liegt im Synzytiotrophoblast unterhalb der Oberfläche und zwischen den beiden Lipidschichten der Oberflächenmembran.

Die Behauptung, dass irgendein Impfstoff, der Antikörper gegen das Corona-Spike-Protein hervorruft, we­gen der Ähnlichkeit mit einer Sequenz aus fünf Aminosäuren auch eine Immunreaktion gegen Syncy­tin-1 in der Plazenta hervorrufen und auf diese Weise eine Infertilität verursachen könnte, ist mithin we­nig wahrscheinlich: Selbst identische Antikörper kämen kaum an Ort und Stelle, wo sie mit der plazenta­ren Proteinstruktur interagieren könnten.

„Noch dazu ist die Theorie unlogisch“, erläuterte Markert, „sonst hätten die bisherigen Verläufe zeigen müssen, dass COVID-19-Erkrankung das Infertilitätsrisiko erhöht“. Denn im Falle einer Infektion durch das Virus selbst, ist die induzierte Antigenlast durch das Spike-Protein viel höher als nach einer Impfung. Es gibt jedoch keinerlei wissenschaftlichen Anhalt dafür, dass Frauen, die COVID-19 durchgemacht haben, weniger fruchtbar wären.

Und schließlich spricht ein drittes Argument gegen die Behauptung, die induzierten Antikörper könnten ihrer Ähnlichkeit wegen Infertilität auslösen. Unterschiedliche Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Diabetes-Typ-1 werden seit einigen Jahren mit dem IgG4-Antikörper Temelimab behandelt, der gegen das HERV-W-env Protein gerichtet ist.

Dieses Protein ist sogar in 81 Prozent der Aminosäurenabfolge mit dem Syncytin-1-Protein homolog. In-vitro Experimente mit Temelimab haben indes gezeigt, dass er praktisch nicht an Syncytin-1 bindet und überdies die Funktionsfähigkeit von Syncytin beim Fusionieren des Synzytiotrophoblasten hat – was für eine physiologische Plazentaentwicklung wichtig ist.

Schleußner und Markert hoffen, dass diese aus den Studien der Plazenta-Forschung und Reproduktions­medizin hergeleiteten Argumente den verunsicherten Frauen die Angst vor einer Impfung nehmen können. © mls/aerzteblatt.de



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