COVID-19: Hohes Risiko von Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen und Thrombosen

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 31.10.2022


In den ersten beiden Krankheitswellen von COVID-19 ist es zu einem deutlichen Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und venösen Thrombosen gekommen. Letztere waren nach einer Auswertung in Heart (2022; DOI: 10.1136/heartjnl-2022- 321492) auch bei leichteren Erkrankungen zu beobachten.

Die UK Biobank begleitet seit 2006/2010 eine Gruppe von knapp einer halben Million Briten. Die Forscher re­gistrieren seither, ob die Teilnehmer von Hausärzten oder im Krankenhaus behandelt wurden. Sie haben Ein­blick in die Klinikdiagnosen und in die Sterberegister. Zwischen März 2020 und März 2021 war bei 17.871 Teil­nehmern ein SARS-CoV-2-Test positiv ausgefallen.

Zahra Raisi-Estabragh von der Queen Mary University of London und Mitarbeiter haben sie mit 35.742 briti­schen Biobank-Teilnehmern verglichen. In einer Propensity-Analyse wurden nur Personen mit ähnlichen Eigen­schaften gegenübergestellt.

Zu den bekannten Variablen gehörten neben Alter und Geschlecht die soziale Benachteiligung („Deprivation“), Body-Mass-Index, ethnische Zugehörigkeit, Diabetes mellitus, ischämische Herzkrankheit, Rauchen, Bluthoch­druck und Hypercholesterinämie.

Die meisten Teilnehmer, die zu Beginn der Pandemie im Durchschnitt 69 Jahre alt waren, erkrankten nur leicht an COVID-19. Nur 3.567 (20 %) mussten im Krankenhaus behandelt werden, davon mit 866 etwa ein Viertel primär wegen anderer Erkrankungen.

Trotzdem war das Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen und Todesfällen deutlich erhöht. Raisi-Estabragh fand bei 1.616 COVID-19-Patienten (9 %) mindestens einen Eintrag in den Kranken- und Sterberegistern. In der Kontrollgruppe war dies nur bei 241 Personen (0,7 %) der Fall. Die Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen war mit 3,0 % versus 0,5 % ebenfalls deutlich höher.

Bei Patienten, die mit COVID-19 als Primärerkrankung im Krankenhaus behandelt wurden, waren vor allem die Risiken auf eine venöse Thromboembolie (Hazard Ratio HR 27,6; 95-%-Konfidenzintervall 14,5 bis 52,3), auf eine Herzinsuffizienz (HR 21,6; 10,9-42,9), auf einen Schlaganfall (HR 17,5; 5,3-57,9) und auf einen Herz­in­farkt (HR 9,9; 3,4-29,1) deutlich erhöht. Aber auch ein Vorhofflimmern (HR 14,9; 9,34-23,8) und eine Perikar­ditis (HR 13,6; 4,06-45,8) traten bei Klinikpatienten mit einem positiven SARS-CoV-2-Test häufiger auf.

Bei Patienten mit COVID-19, die nicht im Krankenhaus behandelt wurden, war nur das Risiko auf eine venöse Thromboembolie (HR 2,74; 1,38-5,45) erhöht. Andere Assoziationen waren nicht erkennbar.

Das Sterberisiko war bei den Klinikpatienten, die primär wegen COVID-19 in der Klinik behandelt wurden, deutlich erhöht. Raisi-Estabragh ermittelt eine Hazard Ratio von 118,0 (73,3-190,0) gegenüber einer Hazard Ratio von 63,9 (30,1-135,8) bei den Klinikpatienten mit einer Zweitdiagnose COVID-19. Bei den nicht statio­nären Patienten war das Sterberisiko ebenfalls mit einer Hazard Ratio von 10,2 (7,6-13,7) erhöht.

Die meisten Ereignisse traten innerhalb von 30 Tagen nach der COVID-19-Diagnose auf. Viele Risiken, etwa auf Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, venöse Thromboembolien und Perikarditis sowie das Sterberisiko blie­ben jedoch auch später erhöht.

Trotz des Propensity-Matching bleibt die Studie anfällig für Verzerrungen. Raisi-Estabragh hatte beispielswei­se keine Informationen über Nieren- und Krebserkrankungen, die das Risiko auf einen schweren Verlauf be­einflussen können. Auch Angaben zu den eingenommenen Medikamenten standen der Forscherin nicht zur Verfügung.

Epidemiologische Untersuchungen können auch zu völlig unerwarteten Ergebnissen kommen. So erkrankten ambulante Personen mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 seltener an einem Herzinfarkt als die Kontrollgruppe (HR 0,19; 0,06-0,65).

Raisi-Estabragh führt dies auf einen Selektionsbias zurück. Es sei wahrscheinlich, dass viele leichte Infektio­nen bei Infarktpatienten erst nach der Einlieferung in die Klinik erkannt wurden, wo Patienten routinemäßig auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Das senkt die Zahl der Diagnosen, die im ambulanten Bereich mit einem positiven Test gestellt wurden.

Beobachtungsstudien sind insgesamt ein schlechter Berater für therapeutische Empfehlungen. Das fast 3-fach erhöhte Risiko von venösen Thromboembolien bei ambulanten Patienten könnte zu der Forderung führen, bei diesen Patienten vorsorglich eine medikamentöse Thromboseprophylaxe durchzuführen.

Ob dies sinnvoll wäre oder nicht eher die Patienten durch ein erhöhtes Blutungsrisiko gefährden würde, müsste zunächst durch eine randomisierte Studie geklärt werden. Da der Verlauf von COVID-19 infolge einer zunehmenden Immunisierung der Bevölkerung heute wesentlich milder ausfällt, als bei den ersten beiden Krankheitswellen, dürfte das Interesse an einer solchen Studie begrenzt sein.


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