COVID-19: Hohe Viruskonzentration in den Lungen für erhöhte Sterblichkeit verantwortlich

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 1. September 2021


Anders als bei der Influenza sind bakterielle Superinfektionen bei schweren COVID-19-Ver­läufen vermutlich nicht für den Tod verantwortlich. Bronchoskopische Untersuchungen von mechanisch beatmeten Patienten in Nature Microbiology (2021; DOI: 10.1038/s41564-021-00961-5) zeigen, dass die Viruslast und ein Antikörpermangel die Prognose bestimmen.

Infektiologen führen die hohe Sterblichkeit in anderen Viruspandemien wie der Spanischen Grippe 1918 oder der Schweinegrippe 2009 auf bakterielle Superinfektionen zurück. Die Bakterien, deren Heimat häufig in der Mundhöhle oder bei Aspirationen auch im Magen-Darm-Trakt vermutet wird, breiten sich auf dem Boden der durch die Viren geschädigten Atemwege aus.

Diese Überlegungen bilden die Grundlage für den Einsatz von Antibiotika bei schweren Verläufen einer Pneumonie, auch wenn deren erste Erreger Viren sind (gegen die Antibiotika bekanntlich unwirksam sind). Auch bei COVID-19-Patienten werden bei schweren Verläufen häufig Antibiotika eingesetzt, um eine Superinfektion zu behandeln oder auch zu verhindern.

Imran Sulaiman von der Grossman School of Medicine in New York hält diese Strategie für zweifelhaft. Seine Untersuchung von 589 Patienten, die während der ersten Welle der Pandemie mechanisch beatmet wurden, ergab, das bei 12 von 70 Patienten, bei denen eine mikrobiologische Kultur von Atemwegsse­kreten angelegt wurde, Bakterien nachgewiesen wurden.

Die Blutkulturen waren nur zu 1,4 % positiv (5 von 353 untersuchten Patienten). Der Nachweis von Bak­terien in Sekreten oder im Blut war zudem nicht mit einer schlechteren Prognose der Patienten verbun­den.

In der Bronchiallavage, die bei 142 Patienten durchgeführt wurde, war dagegen regelmäßig SARS-CoV-2 nachweisbar, und die Viruskonzentration korrelierte mit der Prognose der Patienten: Patienten, die an COVID-19 starben, hatten im Durchschnitt die zehnfache Virusmenge oder Viruslast in ihren unteren Atemwegen wie schwerkranke Patienten, die ihre Krankheit überlebten.

Sulaiman plädiert deshalb für den Einsatz von Virustatika wie Remdesivir auch bei beatmeten Patienten. Bei diesen werden sie derzeit selten eingesetzt, da klinische Studien ihren Nutzen bisher nur im Frühstadium belegt haben.

Die Atemwege der Patienten waren zwar auch mit Bakterien besiedelt, ein Zusammenhang mit der Prognose bestand jedoch nicht (Zu bedenken ist, dass alle Patienten mit Antibiotika behandelt wurden). Sulaiman hält es deshalb für unwahrscheinlich, dass Patienten an den Folgen einer Superinfektion gestorben sind.

Die Ausbreitung der Viren wurde vermutlich durch eine Schwäche der Immunantwort begünstigt. Bei den Patienten, die später an COVID-19 starben, wurden signifikant weniger Antikörper gegen das Spike-Protein und seine Rezeptorbindungsstelle gefunden als bei den Überlebenden. Dafür waren mehr Mastzellen und neutrophile Granulozyten vorhanden, die zum angeborenen Immunsystem gehören.

Diese erste Linie der Abwehr wird normalerweise nach wenigen Tagen von der adaptiven Immunabwehr mit B-Zellen und T-Zellen abgelöst, die die Antikörper bilden und infizierte Zellen beseitigen. Bei einer Schwäche der adaptiven Immunabwehr kann es zu einer Überreaktion der angeborenen Immunabwehr kommen. Sie wird für den Zytokinsturm verantwortlich gemacht, der die Situation des Patienten ver­schlechtern kann.


0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen