COVID-19: Alzheimer-Gen APOE erhöht Sterberisiko

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 22.9.2022


Dieselben Varianten des APOE-Gens, die das wichtigste bekannte genetische Risiko des Morbus Alzheimer sind, haben in Laborstudien die Anfälligkeit von Mäusen auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 und eine schwere Erkrankung erhöht. Teilnehmer der UK-Biobank-Studie, die beide Kopien des Risikogene aus­wiesen, hatten nach den in Nature (2022; DOI: 10.1038/s41586-022-05344-2) vorgestellten Ergebnissen ein deutlich erhöhtes Risiko auf einen tödlichen Verlauf von COVID-19.

Das Apolipoprotein E, das am Transport von Lipiden im Blut beteiligt ist, kann auf ungeklärte Weise im Gehirn die Entwicklung eines Morbus Alzheimer fördern, wenn sein Gen mutiert ist. Besonders betroffen sind Personen mit zwei Kopien der Variante APO E4, die bei etwa 3 % der Bevölkerung vorliegen. Bei diesen Menschen kommt es auch zu einer rascheren Atherosklerose, was einen Teil des Demenzrisikos erklärt. Außerdem ist die Abwehr gegen Krebserkrankungen und Infektionen herabgesetzt.

Ein Team um Sohail Tavazoie von der Rockefeller Universität in New York hat zunächst an Mäusen untersucht, welche Auswirkungen die Homozygotie im Allel APO E4 auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 hat. Die Tiere wurden mit den verschiedenen Varianten des menschlichen APO4-Gens ausgestattet und dann mit einem Stamm von SARS-CoV-2 infiziert, der bei Mäusen COVID-19 auslöst.

Die Tiere mit dem Allel APO E4 erkrankten tatsächlich schwerer an COVID-19. Am 4. Tag wiesen die Lungen schwere Schäden auf. Die nähere Untersuchung der Tiere zeigte, dass die Viren leichter in die Zellen gelangten und sich deshalb rascher replizieren konnten. Außerdem reagierte das Immunsystem schwächer auf die Infektion.

Die Forscher haben dann die Daten von 13.207 Teilnehmern der UK Biobank ausgewertet, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. Die UK Biobank hatte vor einigen Jahren Blutproben der Teilnehmer archiviert und genetisch untersucht. Tavazoie konnte deshalb untersuchen, ob die 379 Teilnehmer, die beide Kopien von APO E4 aufwiesen, schwerer an COVID-19 erkrankten.

Dies war tatsächlich der Fall. Ihr Sterberisiko war mehr als doppelt so hoch wie bei den Personen mit der günstigsten Konstellation im APO-Gen (Hazard Ratio 2,26; 95-%-Konfidenzintervall 1,64-3,13). Der Einfluss war in etwa so groß wie der Einfluss des Alters oder eines männlichen Geschlechts.

Tavazoie rät deshalb Menschen, die homozygot auf das Merkmal APO E4 sind, dringend, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. Zu ähnlichen Ergebnissen sind kürzlich Mediziner der Universität Helsinki gekommen. Wie sie in Acta Neuropathologica Communications (2021; DOI: 10.1186/s40478-021-01302-7) berichteten, mussten homozygote Träger des APO E4-Allels häufiger auf einer Intensivstation behandelt werden.

In den Gehirnen der Verstorbenen wurden Mikroblutungen gefunden, und die Überlebenden klagten im Anschluss an die Erkrankung häufiger über das Long-COVID-Symptom Fatigue.


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