COVID-19: Über- und Untersterblichkeit variiert international deutlich

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 3. August 2021

Die COVID-19-Pandemie hat im vergangenen Jahr in den meisten Ländern zu einem Anstieg der Todesfälle geführt. Am höchsten war die Übersterblichkeit nach einer Analyse in eLife (2021; DOI: 10.7554/eLife.69336) allerdings nicht in Ländern wie Italien, Großbritannien oder den USA, die im Zent­rum der medialen Aufmerksamkeit standen, sondern in einigen weniger beachteten Ländern Osteuropas und Lateinamerikas. In anderen Ländern ist es infolge des Ausfalls der Grippewelle sogar zu einem Rück­gang der Todesfälle gekommen.

Die hohe Mortalität von COVID-19 hat sich relativ schnell in den offiziellen Statistiken niedergeschla­gen. In einigen Orten Norditaliens sind auf dem Höhepunkt der 1. Welle in einem Monat mehr Menschen gestorben als im gesamten Jahr zuvor. Der Anstieg war damals nur teilweise auf die Zahl der gemeldeten Todesfälle an COVID-19 zurückzuführen.

Der Zusammenbruch des Gesundheitswesens hat vermutlich auch das Sterberisiko an anderen Erkran­kungen erhöht. Auf der anderen Seite haben die Maßnahmen zur Begrenzung der Pandemie bewirkt, dass auch andere Infektionserkrankungen seltener auftraten. Die jährliche Grippewelle, die normaler­weise in den Wintermonaten zu einem Anstieg der Todesfälle führt, ist in vielen Ländern komplett ausgefallen.

Die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung ist deshalb ein Gradmesser für die Folgen der Pandemie. Der Ökonom Ariel Karlinsky von der Hebräischen Universität Jerusalem und sein Kollege Dmitry Kobak, der am Forschungsinstitut für Augenheilkunde in Tübingen tätig ist, haben auf ihrer „Human Mortality Data­base“ die Daten zu 103 Ländern (von etwa 200 insgesamt) zusammengetragen. Allerdings fehlen China und Indien und Teile Afrikas, so dass die Analyse Lücken aufweist. Dennoch werfen die Zahlen ein interessantes Licht auf das Ausmaß der Epidemie.

In absoluten Zahlen wurde die größte Übersterblichkeit in den Vereinigten Staaten mit 640.000 Todes­fällen bis zum 6. Juni 2021 registriert. Es folgen Brasilien mit 500.000 (bis 31. Mai 2021) und Russland mit 500.000 (bis 30. April 2021) mehr Todesfälle als in den Jahren davor. Da es sich um bevölkerungsrei­che Länder handelt, erlauben die Zahlen keinen Vergleich zwischen den Ländern.

Aussagekräftiger ist die Übersterblichkeit bezogen auf 100.000 Einwohner. Hier führt Peru die Liste mit 590 Todesfällen an, gefolgt von einigen osteuropäischen und lateinamerikanischen Ländern: Bulgarien (460), Nordmazedonien (420), Serbien (400), Mexiko (360), Ecuador (350), Litauen (350) und Russland (340).

In den Ländern, in denen es gleich zu Beginn 2020 zu schweren Ausbrüchen kam und die deshalb ein breites Medieninteresse auslösten, war die Übersterblichkeit geringer: In Italien waren es 210 zusätz­liche Todesfälle auf 100.000 Einwohner, in Spanien 190 und in Großbritannien 160.

Deutschland kam mit 50 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Einwohner relativ glimpflich davon. In den meisten Nachbarländern wie den Niederlanden (110), Belgien (140) Frankreich (110), der Schweiz (100), Österreich (110), Tschechien (320) und Polen (310) war die Übersterblichkeit deutlich höher.

Die einzige Ausnahme bildet Dänemark. Im nördlichen Nachbarland ist die Sterberate im Coronajahr um 10 pro 100.000 Einwohner gesunken. Eine Untersterblichkeit war auf für Neuseeland und Taiwan nach­weis­bar, in denen es nur wenige COVID-19-Todesfälle gab.

Karlinsky und Kobak gehen davon aus, dass der Rückgang der Sterblichkeit auf die Abstands- und Hygieneregeln zurückzuführen ist. Sie könnten Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten, etwa der Grippe, verhindert haben. Für Deutschland ist eine Untersterblichkeit ebenfalls für Februar und März 2021 erkennbar. In diesen Monaten war es in den Vorjahren oft zu einem Anstieg der Grippetodesfälle gekommen.

Für die beiden Forscher ist die „Human Mortality Database“ ein wichtiges Instrument, um die Auswir­kun­gen der Pandemie und den Erfolg verschiedener Eindämmungsmaßnahmen besser erfassen zu können. Sie wollen die Datenbank weiter ausbauen und regelmäßig aktualisieren. © rme/aerzteblatt.de


/picture alliance, Marcel Kusch

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