Coronaimpfung für Kinder ab zwölf Jahren: Ärzte stützen STIKO, Politiker zufrieden mit Empfehlungen

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 17. August 2021

Seit Wochen drängt die Politik die Ständige Impfkommission (STIKO), die Impfung gegen SARS-CoV-2 generell für alle zwölf- bis 17-Jährigen zu empfehlen. Bisher war die Impfung nur bei Kindern einem erhöh­ten Risiko empfohlen. Die Reaktionen der Politik auf die STIKO-Aktualisie­rung fallen dement­sprechend positiv aus. Ärztevertreter stärkten der STIKO heute erneut den Rücken.

„Medizinische Wissenschaft muss unabhängig sein und bleiben“, sagte der Präsident der Bundesärzte­kammer (BÄK) Klaus Reinhardt. Daher sei es auch wichtig gewesen, dass die Impfkommission dem politi­schen Druck widerstanden und ihre Empfehlungen zu Coronaschutzimpfungen bei Kindern und Jugendli­chen nicht übereilt, sondern auf solider wissenschaftlicher Grundlage überarbeitet habe.


„Damit hat sie das Vertrauen der Menschen in die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Gremiums ge­stärkt. Vor allem aber gibt sie Jugendlichen und Eltern sowie Ärztinnen und Ärzten bei der Entscheidung über eine Coronaschutzimpfung wichtige Hilfestellung und notwendige Orientierung“, erklärte Reinhardt.

Er zeigte sich erfreut, dass die STIKO klargestellt hat, dass ihre Empfehlungen auf den direkten Schutz der geimpften Kinder und Ju­gendlichen vor COVID-19 sowie vor möglichen psychosozialen Folgeerschei­nungen der Pandemiemaß­nah­men abzielen. Die Empfehlungen dienten nicht dem Ziel, durch eine höhe­re Impfquote bei Kindern und Jugendlichen schneller eine Herdenimmunität zu erreichen. „Diese Haltung unterstützen wir ausdrücklich.“

Der BÄK-Chef hält auch die Klarstellung der STIKO für richtig und wichtig, dass eine Impfung keinesfalls zu einer Voraussetzung für die Teilnahme am sozialen Leben gemacht werden darf. Kitas, Schulen und Freizeitangebote müssten auch künftig allen Kindern und Jugendlichen offenstehen, unabhängig von ihrem Impfstatus.

„Wir haben immer betont, dass die Wissenschaft entscheidet, wann ausreichende Erkenntnisse vorliegen, um Jugendlichen ein Impfangebot zu machen. Dazu hätte es keines Drängens von Politikseite aus be­durft“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, den Zeitungen der Funke Medien­gruppe. Beim Thema Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren sei die Politik vorgeprescht und habe damit eine Diskussion ausgelöst.

Weigeldt betonte zugleich, die Arztpraxen seien für eine mögliche stärkere Nachfrage gewappnet. „Für impfwillige Jugendliche stehen auch bei steigender Nachfrage die Kinder- und Hausarztpraxen bereit.“

„Wir freuen uns, dass mit dieser STIKO-Empfehlung eine sichere Impfung aller Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren gegeben ist. Für viele Kinder ist dies ein wichtiger und richtiger Schritt zurück in die Nor­malität“, bewertet Hans-Iko Huppertz, der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), dem Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften, die Neuigkeit. Die DAKJ sieht nun die Ärzteschaft in der Verantwortung, die neue Empfehlung umzusetzen.

Politik erfreut

Die Bundesregierung versicherte heute, dass mit der STIKO-Empfehlung für diese Altersgruppe kein Zwang zur Impfung ver­bun­den sei. „Die Impfung bleibt freiwillig und darf nicht zur Voraussetzung für den Schulbesuch gemacht werden“, teilte Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) heute mit.

Sie nannte die Impfempfehlung einen wichtigen Schritt bei der Bekämpfung der Coronapandemie. Es gebe nun eine klare, auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruhende Orientierung für Eltern und Kinder. „Die Empfehlung erleichtert Eltern und ihren Kindern die Entscheidung.“

Regierungssprecher Steffen Seibert versicherte heute ebenfalls in Berlin, es werde für Schüler keine Pflicht zur Impfung geben. „Es bleibt dabei, was wir gesagt haben, dass es keinen Impfzwang gibt oder das Impfen nicht Bedingung für den Schulbesuch ist“, sagte er.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete die Entscheidung heute als „gute Nachricht“. „Eltern und Jugendliche haben damit eine klare Empfehlung, sich für die Impfung zu entscheiden“, sagte der CDU-Politiker. „Die Fakten sprechen für die Impfung, ausreichend Impfstoff für alle Altersgruppen ist da.“ Wenn gewünscht, könnte eine Impfung noch in dieser Woche stattfinden.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke, betonte, sie hoffe, dass viele Eltern diese klare Impfempfehlung der STIKO für alle zwölf- bis 17-Jährigen zum Anlass nehmen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und nach ärztlichen Aufklärung zum individuellen Nutzen und Risiko eine gut informierte Entscheidung zur Impfung ihrer Kinder treffen.

„Die Frage einer Impfung ist und bleibt eine höchstpersönliche Entscheidung. Mit der neuen Impfem­pfehlung macht die STIKO jedoch mehr als deutlich, dass der direkte Schutz der Kinder und Jugendlichen durch eine Impfung mögliche Risiken überwiegt“, sagte sie.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte, die STIKO habe sehr lange mit ihrer Entscheidung gewartet. „Damit hat sie es für viele Kinder über zwölf Jahre schwer gemacht, eine Impfung zu erhalten. Umso mehr begrüße ich den Schritt jetzt“, sagte er der Rheinischen Post.

Die FDP-Gesundheitsexpertin im Bundestag, Christine Aschenberg-Dugnus, sagte, die STIKO-Entschei­dung schaffe Klarheit für Eltern und Kinder sowie Rechtssicherheit für Ärzte. „Die Bundesregierung hätte dieses Ergebnis abwarten sollen, statt unabgestimmt vorzupreschen. Damit sollte die STIKO schlicht un­ter Druck gesetzt werden.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der die STIKO massiv bedrängt hatte, schrieb via Twitter: „Endlich!“ Die STIKO „empfiehlt die Impfung für Schüler ab 12. Das ist für den Schulstart wichtig.“ Söder kritisierte allerdings, dass die Ent­scheidung nicht früher gefallen sei. „Leider haben wir viel Zeit verloren“, betonte er. „Umso schneller sollte jetzt das Impfangebot erfolgen.“

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) rief Eltern und Jugendliche auf: „Lassen Sie sich und Ihre Kinder jetzt impfen“. Es stehe genügend Impfstoff zur Verfügung. „Umso mehr Kinder und Ju­gendliche geimpft sind, umso sicherer können wir auch in das kommende Schuljahr starten“, sagte er.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) betonte, für die Eltern und ihre Kinder sei es wichtig, dass es eine „eindeutige Empfehlung gibt“. Alle, die wollten, könnten sich jetzt auch zügig impfen lassen. Doch bleibe die Impfung „selbstverständlich freiwillig“, betonte sie

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sehen sich gestützt. In Schleswig-Holstein biete man bereits seit Ende Juni Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren die Möglichkeit, sich in den Impfzentren und bei den Haus- und Facharzt­praxen mit einem für sie zugelasse­nen Impfstoff impfen zu lassen, so Garg.

Kalayci sagte, sie sehe sich durch die STIKO darin bestätigt, mit ihrem Brief den jungen Berlinern ein Impf­angebot gemacht zu haben. Sie bezog sich dabei auf ein Schreiben an rund 180.000 zwölf- bis 17-Jährige, in dem sie jüngst für eine Impfung geworben hatte. „Ich ermuntere Eltern, Erziehungsberechtigte und Kinder, hierzu das gemeinsame Gespräch zu suchen“, fügte Kalayci heute hinzu.

„Wir sind der festen Überzeugung, dass die Impfung auch für die zwölf- bis 17-Jährigen eine große Chan­ce ist“, sagte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). Brandenburgs Ministerprä­si­dent Dietmar Woidke (SPD) hält das Votum der STIKO für wichtig. Er begrü­ße die Empfehlung „aus­drück­lich“, teilte Woidke mit. „Das gibt allen Beteiligten Sicherheit.“

Hoffen auf Impfschub

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erhofft sich zusätzlichen Schwung bei den Coro­naimpfungen. Die klare Empfehlung, dass der Nutzen der Impfung die Risiken überwiege, „dürfte vielen Eltern sowie den betroffenen Kindern und Jugendlichen die Entscheidung für eine Impfung deutlich erleichtern“, sagte der SPD-Politiker. Niedersachsen biete seit mehreren Wochen Impfungen ab zwölf Jahren an, seit die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dies zugelassen habe.

Auch Thüringen hofft nun auf eine wachsende Impfbereitschaft. Eltern, Familien und auch Ärzte hätten damit mehr Sicherheit bei der Impfentscheidung, sagte die Sprecherin des Gesundheitsministeriums, Silke Fließ.

„Die Nachfrage wird immens steigen und dann werden wir die Impfung auch flächendeckend anbieten können“, sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. Laut Maske bieten derzeit etwa 60 Prozent der Kollegen Impfungen an. Der Anteil werde voraussichtlich steigen.

Viele Eltern seien aber nach wie vor skeptisch. „Durch das Einmischen der Politik ist es zu einer wahn­sin­nigen Verunsicherung gekommen. Aber wir Kinderärzte sind ja dazu da, zu beraten, und Eltern die Verun­si­cherung zu nehmen“, sagte Maske. Jetzt sei klar, dass die Impfung sicher und ungefährlich sei. „Das ge­ben die Daten nun wirklich her“.

Der Beschlussentwurf zur aktualisierten Impfempfehlung befindet sich laut STIKO derzeit im vorge­schriebenen Stellungnahmeverfahren mit den Bundesländern und den beteiligten Fachkreisen. Nach­folgende sind Änderungen daher noch möglich. © dpa/may/aerzteblatt.de


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