Coronabelastung: Wirtschaftsinstitut empfiehlt neues Bewertungsinstrument

Deutsches Ärzteblatt vom Montag, 25. Oktober 2021


Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hat als Entscheidungsgrundlage für ein ad­äquates Management der Coronapandemie ein neues Bewertungsinstrument entwickelt: die sogenannte risikoadjustierte Inzidenz.

„Eine hohe Impfquote unter den vulnerablen, älteren Bevölkerungsgruppen hat die Bedeutung der Sie­ben-Tage-Inzidenz für das Gesundheitswesen stark verändert“, hieß es aus dem Institut. Aber die Hospita­lisierungsinzidenz sei keine geeignete Alternative, weil sie nicht als Frühwarnsystem dienen könne,

Denn ebenso wie Daten zur Belegung der Intensivstationen bilde sie erst die Meldungen von bereits er­folgten Krankenhauseinlieferungen ab. Zudem werde nicht jede Krankenhauseinweisung umgehend ge­meldet.

„Die Abweichung zwischen der ausgewiesenen und der tatsächlichen Hospitalisierungsinzidenz – mit Nachmeldungen – betrug in den vergangenen Monaten nach RWI-Berechnungen rund 48 Prozent“, er­klärte das Institut. Als einfache Lösung schlägt das RWI eine risikoadjustierte Inzidenz vor.

Dafür werden für jedes Melde­datum die altersspezifischen Inzidenzen mit der Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung in der jeweiligen Altersgruppe gewichtet. Die resultierende Kennzahl sei deut­lich aussagekräftiger als die Sieben-Tage-Inzidenz und eigne sich im Gegensatz zur aktuell ausgewie­senen Hospitalisierungsinzidenz als Frühindikator, hieß es aus dem RWI.

Die Autoren des Konzeptes, Boris Augurzky, Martin Fischer und Christoph Schmidt, warnen vor Kenn­zah­len, die für die Kommunikation des Pandemiegeschehens zu kompliziert sind. „Zuviel an Komplexität kann im praktischen Gebrauch dazu führen, dass die verwendeten Kennzahlen schwer kommunizierbar und Entscheidungen für die Allgemeinheit damit nicht länger nachvollziehbar sind.

Zudem besteht die Gefahr, dass bei der Ableitung von Handlungsoptionen aufgrund politischer Interes­sen auf mehr oder weniger willkürliche Ausschnitte der Gesamtinformation zurückgegriffen wird“, schrei­ben sie in dem Papier. Es sei daher wichtig, „die richtige Balance zwischen Komplexität einerseits und Handhabbarkeit sowie Kommunizierbarkeit andererseits zu finden“, betonen sie.

Die risikoadjustierte Inzidenz sei eine solche handhabbare und gleichzeitig verlässliche Kennzahl. Be­rech­nungen zeigten, dass die Abweichung zwischen der auf Basis der risikoadjustierten Inzidenz prog­nostizierten und der tatsächlichen Hospitalisierungsinzidenz seit April 2021 im Durchschnitt bei ledig­lich rund acht Prozent liege. „Die Adjustierung kann durch die Berücksichtigung weiterer Merkmale wie Geschlecht oder Impfstatus verfeinert werden und lässt sich auch regional berechnen“, erläutern die Autoren.


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