Corona: Spahn will Jugendliche auch ohne STIKO-Empfehlung impfen

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 26. Mai 2021

In der Diskussion um die Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen SARS-CoV-2 bahnt sich ein Dissens zwischen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI) und Bun­desgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an.

Spahn sprach sich heute für eine Einbeziehung von Jugendlichen in die Impfkampagne auch bei einer ausbleibenden Empfehlung der STIKO aus. In diesem Fall könnten Eltern und ihre Kinder gemeinsam mit ihren Ärzten trotzdem eine individuelle Entscheidung treffen, sagte Spahn heute in der Sendung „Früh­start“ der Sender RTL und ntv. Das STIKO-Festlegung sei eine „Empfehlung“.

Die STIKO berät über eine Empfehlung für Kinder und Jugendliche. Aussagen von STIKO-Mitgliedern zu­folge ist das unabhängige Fachgremium skeptisch hinsichtlich einer allgemeinen Impfempfehlung für alle Kinder.

Hauptargument ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Betroffenen. Es gebe das Risiko von Nebenwir­kungen, ohne dass klar sei, in welchem Ausmaß die Kinder selbst von der Impfung profitierten. Das Ziel einer Herdenimmunität solle hingegen durch die Impfung von Erwachsenen erreicht werden.

Das Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries sagte gestern Abend in der Sendung „RBB-Spezial“, mo­men­tan wisse man kaum etwas über die Nebenwirkungen von Coronaimpfungen bei Kindern. „Bei un­klarem Risiko kann ich zur Zeit noch nicht vorhersehen, dass es eine Impfempfehlung für eine generelle Im­pfung geben wird.“

Das Ziel der Herdenimmunität sei zwar weiterhin vorhanden, erklärte Kries, der eines der 18 STIKO-Mit­glieder und in München Professor für Kinderepidemiologie ist. Aber Herdenimmunität dürfe nicht das primäre Ziel für Impfungen von Kindern sein: „Kinderimpfungen macht man, damit die Kinder davon profitieren können, damit den Kindern schwere Krankheiten erspart bleiben, ohne dass sie ein Risiko eingehen.“

Man könne Herdenimmunität viel besser erreichen, wenn man sich um die 40 Millionen kümmere, die noch nicht geimpft seien. Diese würden zudem sehr viel mehr von den Impfungen profitieren als die Kinder.

Rückendeckung für die STIKO

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) gibt der STIKO Rückendeckung. Die Datenlage zu Risiken und Nutzen einer möglichen Coronaimpfung bei Kindern und Jugendlichen sei derzeit noch so unzureichend, dass man keine Empfehlung abgeben könne, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt.

Er nannte es richtig, dass die STIKO mit Bedacht analysiere, wie groß die Gefähr­dung der Kinder durch SARS-CoV-2 tatsächlich sei. „Es sollte jetzt auch kein politischer und gesellschaftlicher Druck ausgeübt werden, Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu drängen“, mahnte Reinhardt. Erst brauche es wissenschaftlich gesicherte und verständlich aufbereitete Informationen über alles, was man über Coronaimpfungen bei Kindern und Jugendlichen wisse.

Reinhardt stellte auch klar, dass man ehrlich sagen müsse, was man derzeit noch nicht wisse. Natürlich wäre es hilfreich, auf der Grundlage gesicherter Informationen möglichst vielen Impfwilligen noch vor Beginn des nächsten Schuljahres ein Impfangebot machen zu können, so der BÄK-Präsident. „Aber wir haben uns immer für eine Impfstrategie ausgesprochen, die wissenschaftliche Sorgfalt vor Geschwindig­keit setzt. Und daran halten wir auch und gerade bei einer Impfempfehlung für Kinder fest.“

Von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), die eine Stellung­nahme zum Thema erarbeitet hat, hieß es, die Frage, ob die Gefahr für schwere oder tödliche Verläufe in dieser Altersgruppe einen Impfschutz erforderlich mache, sei „nicht beantwortet“.

„Ob die Impfung von Kindern und Jugendlichen erforderlich ist, um die Ausbreitung des Virus in anderen Altersgruppen zu vermeiden oder dem Selektionsdruck zur Entstehung neuer Mutationen entgegenzu­wir­ken, ist ebenso fraglich“, sagte DEGAM-Präsident Martin Scherer.

Deswegen seien COVID-19-Impfungen von Kindern und Jugendlichen allenfalls bei schweren Vorer­kran­kungen im Rahmen von kontrollierten Studien denkbar. Sofern Erwachsene mit hohem Komplikationsri­siko geschützt werden sollten, sei deren eigene Impfung sinnvoll und vorrangig.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hatte zuletzt laut BBC angemahnt, die Impfung von Kindern und Jugend­lichen zu überdenken. Er verstehe, warum einige Länder Kinder und Jugendliche impfen wollten, sagte WHO-Chef Tedros Ghebreyesusam demnach auf einer virtuellen Konferenz in Genf. „Im Moment bitte ich sie dringend, das zu überdenken.“

Tedros führte als Argument an, dass die Versorgung mit COVID-19-Impfstoff in Ländern mit niedrigem und niedrigem mittleren Einkommen nicht einmal ausreiche, um das Gesundheitspersonal zu immu­ni­sieren. Die Krankenhäuser würden mit Menschen überschwemmt, die dringend lebensrettende Pflege benötigten.

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, die Münchner Medizinethikerin Alena Buyx, sieht das anders. „Ich würde mich über ein Impfangebot an ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene freuen, die alle sehr gelitten haben“, sagte Buyx der Zeit. Zugleich regt sie „viele gezielte, effektive und kreative Un­terstützungs- und Ausgleichsprogramme für die Jüngeren“ an.

Gegenüber einer vollständigen Öffnung der Schulen nach dem Sommer zeigt sich Buyx „optimistisch, dass die Situation das zulässt; jedenfalls mit Tests, Maske, Lüften und vielleicht Impfungen sollte das hinhauen“.

Impfgipfel am Donnerstag

Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Bund und Ländern streben für Deutschland an, Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren bis Ende August ein Impfangebot zu machen. Über die Umsetzung wollen am morgigen Donnerstag auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten be­raten.

Nicht alle Länder wollen aber offenbar die STIKO-Empfehlungen ignorieren. Nordrhein-Westfalens Mi­nisterpräsident Armin Laschet sagte heute, NRW wolle sich an die Empfehlungen der STIKO halten. Ob und wann Schülern ein Impfangebot gemacht werden könne, sei allerdings eine fachliche Frage, über die die Ge­sund­heits­mi­nis­ter und Chefs der Staatskanzleien beraten würden.

Spahn verwies heute erneut darauf, dass ein Vakzin bei einer positiven Entscheidung durch die Euro­päi­sche Arzneimittelagentur (EMA) für Jugendliche ab zwölf Jahren für diese dann auch völlig regulär zuge­lassen wäre.

Die EMA prüft derzeit die Zulassung des Coronaimpfstoffs von Biotech und Pfizer für die Altersgruppe der Zwölf- bis 15-Jährigen. Eine Entscheidung wird in den kommenden Tagen erwartet. Für Menschen ab 16 Jahren ist er schon zugelassen. Auch der Hersteller Moderna strebt eine Zulassung in der EU an. Gestern hatte er erste Ergebnisse einer Phase-2/3-Studie bekanntgegeben.

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnte unterdessen vor Impfungen in den Schulen, wie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sie fordert. „Von Impfungen in der Schule halte ich nichts“, sagte der Kinderarzt und BVKJ-Sprecher Axel Gerschlauer der Rheinischen Post. Seine größte Sorge sei, dass Frau Karliczek damit auch eine Impfpflicht durch die Hintertür einführe.

Der Schulbesuch dürfe nicht an eine Coronaimpfung geknüpft werden, sagte der Arzt der Zeitung. „Hier muss die Politik Wort halten.“ Im Übrigen sei eine Impfpflicht für Kinder auch nicht nötig. „Kinder sind keine Coronainfektionstreiber, und das Risiko, schwer zu erkranken, ist für sie – anders als bei Masern – gering“, sagte Gerschlauer.

Stattdessen seien die Kinderarztpraxen gefragt. „Der erste Ansprechpartner sind niedergelassene Kinder- und Jugendärzte. Wir sind die Impfprofis, keiner impft so viel wie wir“, sagte der BVKJ-Sprecher. An zweiter Stelle sehe er die Impfzentren, besonders auf dem Land, wo die Arztdichte nicht so hoch sei wie in den Städten. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de


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