Corona-Schnelltests: Ein Land testet den Alltag aus

Die ZeitOnline vom 10.3.2021

Eine Analyse von Stephan Reich und Katharina Menne

Ändern Schnelltests alles?" Das fragte die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim bereits im August des vergangenen Jahres in einem ihrer YouTube-Videos. Sie nannte sie "neue Hoffnung" und "game changer". Grobe, aber häufige Schnelltests auf das Coronavirus könnten überall zum Einsatz kommen, wo PCR-Tests zu langsam und zu teuer sind. Hochinfektiöse Personen könnten so zuverlässig erkannt und sofort isoliert werden. Infektionsketten würden im Keim erstickt. So die Theorie.

Seit Montag soll sie Praxis werden – einmal pro Woche sollen sich alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos in Testzentren oder Apotheken testen lassen dürfen. Schulen und Kitas stehen laut Beschluss der Konferenz der Ministerpräsidenten besonders im Fokus. Auch Arbeitgeber sollen ihren in Präsenz arbeitenden Angestellten regelmäßige Tests anbieten. In Discountern und Drogerien gibt es zudem noch einfachere Selbsttests für den Privatgebrauch zu kaufen. Schon träumen die Ersten wieder von Theater-, Restaurant- und Kinobesuchen und Saunagängen.

Doch so einfach, wie sich viele die erweiterte Teststrategie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorstellen, ist es leider nicht. Viele Fragen sind unbeantwortet: Wie oft soll sich jeder testen lassen? Wann sind überhaupt genügend Tests vorhanden? Wem sollten bei Knappheit die vorhandenen Tests vorbehalten bleiben? Wie ist mit einem positiven Ergebnis umzugehen? Wie sicher schließt ein negativer Test eine Infektion aus? Welche Tests sind ausreichend genau? Und welche Auswirkungen haben flächendeckende Tests auf die Inzidenzwerte? Schnellen die plötzlich in die Höhe und machen den neuen Stufenplan der Bundesregierung unbrauchbar, bevor er überhaupt in Kraft tritt?

Einige Modellierer argumentieren, schon die pure Menge der Tests helfe, die Pandemie einzudämmen. So zeigt eine Simulation der Technischen Universität Berlin, dass "ein breiter Einsatz von Schnelltests sehr stark infektionsreduzierende Wirkung" habe und den R-Wert dauerhaft unter eins drücken könnte. Und zwar selbst dann, so steht es in dem zugehörigen Forschungsbericht, "wenn die Fehlerquote der Tests oder bei der Anwendung hoch ist". Die Empfehlung der Wissenschaftler lautet: "Alle Personen, die Freizeit-, Bildungs- oder Arbeitsaktivitäten durchführen, zweimal pro Woche testen." Das führe zu einer starken Reduktion des R-Werts. Indes: Allein für Berlin würden dazu rund 6,6 Millionen Schnelltests pro Woche benötigt.

Das erscheint realitätsfern. Laut Bundesgesundheitsministerium sind 150 Millionen Schnelltests sofort bestellbar, für das laufende Jahr habe man sich insgesamt 800 Millionen gesichert. Mehr als ein Test pro Woche und Person ist da nicht drin. Kai Nagel, theoretischer Physiker und einer der Autoren der Simulationsstudie, sagt deshalb: "Wenn sich 40 Prozent der Bevölkerung einmal pro Woche testen lassen würden, fände eine dritte Welle zwar noch statt, sie wäre aber deutlich gedämpft, und die Zahl der Krankenhausfälle bliebe stabil." Die 40 Prozent hält er für erreichbar, sobald Tests in Schulen die Regel sind und "sowohl Betriebe als auch Privatpersonen Verantwortung übernehmen über das hinaus, was der Staat anbieten wird".

Die Initiative Rapidtests, ein Thinktank mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, verweist seit Monaten auf die Bedeutung von Schnell- und Selbsttests. Aber auch darauf, dass viele Menschen noch nicht verstanden hätten, was die Tests leisten können. Als Diagnose-Tool für den Einzelnen sind sie zu unsicher. Aber als breit angelegte Gesundheitsmaßnahme könnten Schnelltests ein Weg aus der Pandemie sein, ist sich die Initiative sicher. So berechnete der US-Epidemiologe Michael Mina bereits 2020, dass man viele Infektionsketten so schnell durchbrechen könne, dass ein Schutzeffekt ähnlich der Impfung erreicht werden könnte – selbst wenn sich nur 50 Prozent der Bevölkerung zweimal die Woche selbst testen würden.

Der Epidemiologe Klaus Stöhr widerspricht: "Flächendeckende Testungen werden das Ende der Pandemie nicht beschleunigen." Selbst wiederholte Massentests wie etwa im englischen Liverpool und in der Slowakei hätten gezeigt, dass Tests nicht ausreichen, um das Virus dauerhaft einzudämmen. Da außerdem alle positiven Schnelltest-Ergebnisse zwingend durch PCR-Tests überprüft werden müssen, übersteige der Aufwand den möglichen Nutzen.

Ist der Schnelltest ein "game changer"?

Mit Blick auf die einzelnen Bürger rät auch das Robert Koch-Institut (RKI) von häufigen, anlasslosen Tests ab. Diese seien lediglich eine sinnvolle Ergänzung zu den wesentlich sensitiveren PCR-Tests. "Damit ein Antigen-Test ein positives Ergebnis anzeigt, ist im Vergleich zur PCR-Testung eine größere Virusmenge notwendig", schreibt das RKI in der Übersicht zur Nationalen Teststrategie. "Das bedeutet, dass ein negatives Antigen-Testergebnis die Möglichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 nicht ausschließt." Anders gesagt: Um die ungeimpfte 88-jährige Großmutter zu besuchen, sei das Risiko auch bei einem negativen Ergebnis noch zu hoch. Für jede und jeden Einzelnen ist der Test damit kein "game changer".

Diese Unsicherheit hängt vor allem mit der geringeren Sensitivität und Spezifität der Schnell- und Selbsttests im Vergleich zum PCR-Test zusammen. Um eine Zulassung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu bekommen, gelten Mindestanforderungen für die Selbsttests: Mit einer Trefferquote von 97 Prozent muss der Test bei Nichtinfizierten negativ ausschlagen (Spezifität) und in 80 Prozent der Fälle bei Infizierten positiv (Sensitivität). Bislang sind sieben auf dem Markt verfügbare Selbsttests offiziell zugelassen. Bei den Schnelltests gibt es bislang noch kein solches Zulassungsverfahren. Zu bedenken ist jedoch: Je geringer die Inzidenz in der Gesamtbevölkerung, also je weniger Menschen akut mit dem Coronavirus infiziert sind, desto höher ist rein statistisch der Anteil der falsch positiven Testergebnisse und damit die Zahl derer, die sich grundlos in Quarantäne begeben müssen

Es ist zu vermuten, dass mit den vielen Tests auch mehr symptomlos Erkrankte erkannt werden. Das bedeutet, dass der Anteil der Infizierten, gerechnet auf 100.000 Einwohner, zwangsläufig steigen wird, gleichzeitig zu den von Bund und Ländern geplanten Öffnungsschritten. Ist eine Inzidenz von 35, 50 oder 100 als Kennzahl also überhaupt noch der richtige Indikator? Aus Sicht von Klaus Stöhr ist die Fokussierung auf die "Gießkanneninzidenz" der falsche Ansatz. "Die Lage wird mit zunehmendem Impffortschritt und verstärktem Testen immer komplexer", sagt er. "Für einen echten Pandemie-Stufenplan müssen auch altersgruppen- und risikogruppenspezifische Kennzahlen betrachtet werden, dazu die Impfabdeckung, der Trend des R-Werts und nach wie vor auch die Bettenauslastung in den Krankenhäusern." Der Stufenplan der Regierung, sagt Klaus Stöhr, mache es sich mit einer Meldeinzidenz für die Gesamtpopulation zu einfach.

Unterdessen wächst in den Ländern der Unmut, weil von den versprochenen Tests viel zu wenige in den Kommunen ankommen. Diverse Städte und Landkreise haben in den vergangenen Wochen bereits auf eigene Faust Pilotprojekte mit kostenlosen Schnelltests gestartet. Im bayerischen Landkreis Pfaffenhofen nahe Ingolstadt wurden im Januar gleich sechs Testzentren eröffnet. In Verbindung mit einer Handvoll anderer Maßnahmen wie etwa Gratismasken konnte der Landkreis so seine Inzidenz auf unter 35 drücken. Und will sie mit vielen Tests auf diesem niedrigen Niveau halten.

Dass die Testkits in Kürze knapp werden könnten, befürchtet dort aktuell niemand. Man sei gut aufgestellt, heißt es aus der Verwaltung. Und gäbe es dennoch einen Engpass, würde der Landkreis klar priorisieren: Zuerst würden das Gesundheitswesen sowie die Schulen und Kitas beliefert, anschließend die Testzentren.

In diesen Bereichen sieht auch Stöhr die entscheidenden Vorteile der Schnelltests: "Wichtig ist weiterhin, in den Hochrisikobereichen möglichst viele Infizierte zu entdecken", sagt der Virologe. "Das sind die Alten- und Pflegeheime mit lückenhaftem Impfschutz, die Betreuer in Schulen und Kitas wie auch Arbeitsplätze." Hier seien tägliche Tests tatsächlich ein "game changer". Er könne zudem die Strategie nachvollziehen, mit den Tests die Öffnung einzelner Lebensbereiche flankierend begleiten zu wollen.

Dabei stellt sich jedoch eine ganz praktische Frage: Wer zertifiziert dem Restaurantbesucher ein negatives Testergebnis? Jens Spahn sieht die Verantwortung bei den Ländern, Kommunen und direkt bei den jeweiligen Branchen, also bei Kino-, Theater- oder Restaurantbetreibern. "Da bin ich wirklich optimistisch, dass da Innovation, Kreativität, Pragmatismus vor Ort am Ende jede Idee, die wir im Bundesministerium haben, noch ein Stück übertreffen", sagte Spahn vergangene Woche in der Bundespressekonferenz. Man könne etwa vor Restaurants ein Zelt aufbauen und die Gäste vor dem Essen zum Selbsttest bitten. Quasi als Aperitif.



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