Corona: Druck auf STIKO wächst bei Fragen zur Boosterimpfung

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 17.11.2021


Der Druck auf die die Ständige Impfkommission (STIKO) wegen einer Anpassung der Empfeh­lungen zu den Corona-Boosterimpfungen nimmt zu. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern empfehlen bereits seit vorletzter Woche, dass sich alle Coronageimpften nach etwa sechs Monaten eine Auffrischung geben lassen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, allen Menschen ab 18 Jahren eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 zu ermöglichen – auch wenn die letzte Impfung noch nicht sechs Monate her ist.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte die STIKO heute auf, ihre Empfehlung für Booster-Impfungen mit einer Priorisierung zu koppeln. „Wenn wir ohne Einschränkungen den Booster für alle öffnen, legen wir die Priorisierung in die Hände der Praxen. Bei 30.000 Arztpraxen bedeutet das 30.000 unterschiedliche Priorisierungen“, sagte Lauterbach heute dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die STIKO solle deshalb klar festlegen, welche Gruppe als nächstes dran ist.

Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens hatte gestern eine baldige Ausweitung der Empfehlung für Auffrischimpfungen in Aussicht gestellt. Bislang empfiehlt das Gremium eine Auffrischungsimpfung unter anderem Menschen ab 70 Jahren.

Auf Nachfrage in der ZDF-Sendung Markus Lanz machte Mertens klar, dass die Empfehlung „bis 18“ gesenkt werden könnte. Die Beratungen der STIKO dazu würden heute stattfinden und voraussichtlich nicht lange dauern. Eine aktualisierte Empfehlung lag aktuell jedoch bis heute Abend 18 Uhr nicht vor.

Mertens betonte in der ZDF-Sendung, dass im Augenblick nur etwa elf Prozent der über 60-Jährigen eine Boosterimpfung bekommen hätten. In Israel hätte man zunächst die Über-60-Jährigen geimpft, erläuter­te Mertens.

„Mit den Über-50-Jährigen hat man erst angefangen als 60 Prozent der Über-60-Jährigen geimpft waren. Mit anderen Worten: Die haben genau dasselbe gemacht, wie wir auch vorgeschlagen haben“, betonte der STIKO-Vorsitzende und verwies auf noch nicht publizierte Daten aus Israel. Die würden zeigen, dass Alter und Vorerkrankungen eine entscheidende Rolle für den Verlauf des Infektionensgeschehen gespielt hätten. Mertens betonte, das Problem seien im Augenblick die Kapazitäten der Ärzte. „Die Hausärzte sind stark gefordert im Augenblick“. Er hoffe daher, dass die Impfzentren reaktiviert werden könnten.

Der Vorschlag von Lauterbach lautete: „Aus meiner Sicht müssen die über 70- und 60-Jährigen priorisiert werden, dann auch die über 50-Jährigen.“ Da sich der vollständige Schutz der Booster-Impfung erst nach zwei Wochen entfalte, sollten man „schnell die über 50-Jährigen impfen, um sie für die nächsten Wochen zu schützen“.

Lauterbach sagte, er rechne damit, dass die STIKO die dritte Impfung bereits fünf Monate nach der zwei­ten Impfung empfehlen werde. Bei allen weiteren Auffrischungsimpfungen würde aber ein größerer Ab­stand genügen. „In Zukunft wird das Intervall für eine Auffrischung deutlich größer sein, da wir einen deutlichen Antikörperanstieg und andere verbesserten Abwehrmechanismen nach der dritten Impfung sehen.“

Die STIKO hatte vergangene Woche in einer Stellungnahme eine „zeitnahe“ Aktualisierung seiner Em­pfeh­lungen auch mit Blick auf Auffrischungsimpfungen angekündigt. Schon da hieß es, es sei aus immu­nologischen und infektionsepidemiologischen Gründen sinnvoll, über die bisherige Empfehlung hinaus mittelfristig auch allen anderen eine Auffrischimpfung anzubieten. Dabei solle „soweit wie möglich nach absteigendem Lebensalter vorgegangen werden“.

Trotz teils erheblicher Terminschwierigkeiten sieht die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) keine Notwendigkeit für eine Ausweitung der Kapazitäten bei den Auffrischungsimpfungen. „Unsere Angebote in Hamburg mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, den Impfstellen in den Krankenhäusern und den mobilen Teams der Sozialbehörde sind völlig ausreichend“, sagte heute der frühere Leiter des inzwi­schen geschlossenen Impfzentrums und Vorsitzende der KVH-Vertreterversammlung, Dirk Heinrich.

Der KVH-Vorsitzende Walter Plassmann betonte: „Wir werden allen Menschen, die eine Auffrischungs­impfung haben möchten, diese auch geben können – vorausgesetzt, es halten sich alle an die Regeln.“ Dazu gehöre an erster Stelle die Karenzzeit von sechs Monaten. „Die sechs Monate zwischen zweiter und dritter Impfung sind ein vorsichtig gewählter Richtwert, es ist keine fixe Grenze“, sagte Plassmann. Es sei daher durchaus möglich, einen Booster-Termin auch erst ein paar Wochen nach dieser Frist wahrzu­nehmen.


/picture alliance, KEYSTONE, MICHAEL BUHOLZER

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