Corona: Debatte über Impfpriorisierung in Arztpraxen

Deutsches Ärzteblatt vom 10.3.2021

Die niedergelassene Ärzte sollten künftig selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge sie ihre Patienten gegen SARS-CoV-2 impfen. Dafür werben Vertreter der Ärzteschaft. Die Politik setzt eher auf Ausnahmen von der Regel.

„Sobald wir ausreichend Impfstoff für alle haben, sollten Haus- und Fachärzte auch selbst über die Impf­reihenfolge entscheiden dürfen“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Klaus Reinhardt, der Rheinischen Post. Die Ärzte wüssten am besten, welche ihrer Patienten besonders gefährdet sind.


Zu viele Vorgaben und Prüfverfahren hielten nur unnötig auf. „Das sollten wir unbedingt vermeiden“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Reinhardt glaubt, dass die Impfkampagne in Deutschland deutlich Fahrt aufnehmen wird, wenn ab April Haus- und Facharztpraxen in die Coronaimpfungen ein­bezogen werden.

Die Strukturen und das Know-how seien vorhanden, um schnell und in hoher Frequenz mit dem Impfen zu beginnen. „Die Praxen sind startklar, jetzt müssen Bund und Länder sicherstellen, dass ausreichend Impfstoff und Verbrauchsmaterialien zur Verfügung stehen“, sagte Reinhardt.

Vom Marburger Bund (MB) hieß es, es warteten Millionen chronisch kranke Menschen darauf, endlich gegen das Coronavirus geimpft zu werden. „Bei der derzeitigen Organisation der Impfung kommen sol­che Patienten aber einfach zu kurz. Es wäre einfacher und zielgerichteter, diese Menschen ab sofort von Haus- und Fachärzten impfen zu lassen, bei denen sie ohnehin regelmäßig in Behandlung sind“, sagte Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes.

Er betonte, es könne nicht sein, dass man vor Gericht sein Recht auf Impfung erstreiten müsse, wenn man an einer schweren chronischen Erkrankung leide. Die ambulant tätigen Ärzte würden ihre Patienten kennen und wüssten, welche Priorisierung die richtige sei.

„Gerade bei Patienten mit großen Krankheitsrisiken kommt es auf den Faktor Zeit an. Nur wenn wir den Hebel jetzt umlegen und die Impfkampagne auf die Arztpraxen und Medizinischen Versorgungszentren verlagern, werden wir eine schnelle Immunisierung chronisch Kranker erreichen“, sagte Botzlar.

Er plädiert dafür, dass die Haus- und Fachärzte ohne zusätzlichen bürokratischen Aufwand ent­scheiden sollten, wie sie die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am besten realisieren. Für die Be­kämpfung der Pandemie werde es am Ende von nachrangiger Bedeutung sein, in welcher verord­ne­ten Reihenfolge die Patienten geimpft werden.

„Vordringliches Ziel muss es vielmehr sein, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit zu impfen. Dafür brauchen wir auch die Betriebsärzte in den Unternehmen. Auch sie müssen rasch in die Impfkam­pagne einbezogen werden“, forderte Botzlar.

Spahn hat Vertrauen in Ärzte

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sagte, er habe hohes Vertrauen in die Ärzte, dass zuerst diejenigen geimpft würden, die am meis­ten gefährdet seien. „Die Ärztinnen und Ärzte kennen ja ihre Patienten und wissen ja, wer zuerst zu impfen ist.“ Nächster Schritt seien dann Impfungen in Betrieben durch Betriebsärzte.

Der Minister hält die Einhaltung der be­schlossenen Impfreihenfolge aber auch in Arztpraxen zunächst für notwendig. „Grundsätzlich ist es noch wichtig, die Priorität einzuhalten“, sagte Spahn heute im ZDF-­„Morgenmagazin“. Das gelte auch in Sachsen, wo sich im Vogt­land angesichts hoher Infektionszahlen nach Plänen der sächsischen Ge­sund­heits­mi­nis­terin Petra Köp­ping (SPD) ab Ende der Woche alle Ein­wohner ab 18 Jahren impfen lassen sollen.

„Wir haben vereinbart, dass in der Grenzregion zu Tschechien, wo wir sehr hohe Infektionszahlen haben, eine sogenannte Schutzregel gemacht werden kann, damit sich das nicht weiter ins Land rein trägt“, so Spahn. Er verwies zugleich darauf, dass bei den über 80-Jährigen nach den angelaufenen Impfungen bundesweit bereits erste Erfolge zu sehen seien. Die Todesfälle gingen zurück.

Die Menge der ver­impften Dosen werde „nicht gleich auf zehn Millionen in einer Woche wachsen“, sagte Spahn darüber hinaus und kriti­sierte damit Äußerungen von Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), der am Wochenende gesagt hatte, dass es bis zu zehn Millionen Im­pfungen pro Woche geben werde.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hält es für möglich, dass in Deutschland ab April 20 Millionen Menschen monatlich gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 ge­impft werden können. Eine Erstimpfung für die erwachsene Bevölkerung könne schon in der ersten Juni­hälfte, die weitgehende Immunisierung Anfang August abgeschlossen sein, sagte Gassen der Welt.

Voraussetzung dafür sei ein rascher Nachschub an Impfstoffdosen. Gassen kritisierte, dass in den Über­le­gungen von Kanzlerin und weiten Teilen der Regierung überwiegend der Öffentliche Gesundheitsdienst und die Impfzentren eine tragende Rolle spielten, nicht aber die Praxen.

Mit fünf Millionen verimpften Dosen pro Woche in den Praxen und etwa 1,5 Millionen Impfungen in den Zentren sei „ein deutlich früherer Termin als der 21. September“ erreichbar. Bundeskanzlerin Angela Mer­kel (CDU) hatte davon gesprochen, allen erwachsenen Bürger bis zum Ende des Sommers ein Impfange­bot machen zu wollen.

Gassen beklagte, die „deutsche Neigung, den Bürokratie-Oscar gewinnen zu wollen“, bremse die Impf­kampagne. „Wir sollten nicht alles bis ins Kleinste regeln wollen“, sagte er. Um schnell so viele Bürger wie möglich zu impfen, müsse außerdem die strenge Priorisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO) schrittweise zurückgezogen werden.

Ab Anfang April sollen die Niedergelassenen flächendeckend mit Coronaimpfungen beginnen. Darauf hatten sich die Fachminister von Bund und Ländern vorgestern in der Gesundheits­minister­­konferenz gestern geeinigt. Heute sollen dazu Details geregelt werden. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de


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