Bundesregierung verfehlt Coronaimpfziel

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 1.2.2022


Die Bundesregierung hat das von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ausgegebene Impfziel nicht erreicht. „Das Ziel, bis zum 31. Januar 80 Prozent der Bevölkerung mindestens mit einer Impfung zu ver­sehen, ist verfehlt worden“, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit in Berlin.

Eine unerwartet große Hürde stelle weiterhin die Impfbereitschaft der Bevölkerung dar, räumte er ein. Aber auch „kommunikative Schwächen“ seitens der Regierenden könnten eine Rolle gespielt haben.

Bis einschließlich gestern, dem letzten Tag des Monats, haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 75,8 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens eine Impfung gegen das Coronavirus erhal­ten. Über einen vollständigen Grundschutz mit der meist nötigen zweiten Spritze verfügen nach RKI-An­gaben 61,6 Millionen Menschen (74 Prozent).

„Das sind keine 80 Prozent“, stellte Scholz' Sprecher Hebestreit fest. „Man kann sagen, dass hat nicht ge­klappt.“ Die Bundesregierung halte es aber weiter für „wichtig, die Impfzahlen zu steigern“, sagte Hebe­streit. Er verwies auf die neue große Werbekampagne für Coronaimpfungen, die kürzlich anlief und die noch erweitert werden solle.

Der Regierungssprecher räumte ein, dass die Bundesregierung die Entwicklung der Impfkampagne zu optimistisch eingeschätzt habe. Vor Weihnachten sei die Kampagne mit mehr als einer Million Impfun­gen pro Tag noch auf Hochtouren gelaufen. „Diese Dynamik hat sich über die Weihnachtsfeiertage ver­lang­samt und ist auch mit dem Jahresbeginn nicht wieder in dem Maße gestiegen, wie wir uns das erhofft haben“, sagte Hebestreit.

Den Zahlen zufolge sind rund 20 Millionen Menschen in Deutschland weiterhin nicht gegen Corona geimpft. Davon sind vier Millionen vier Jahre alt oder jünger – für sie steht kein zugelassener Impfstoff zur Verfügung. Der größte Teil der momentan verabreichten Impfungen sind Auffrischungen. Hingegen entscheiden sich derzeit nur wenige Ungeimpfte für eine Erstimpfung.

Das RKI weist grundsätzlich seit längerem darauf hin, dass die ausgewiesenen Zahlen als Mindestimpf­quoten zu verstehen sind. Eine hundertprozentige Erfassung durch das Meldesystem könne nicht erreicht werden. Das RKI geht davon aus, dass die tatsächliche Impfquote bis zu fünf Prozentpunkte höher liegt als auf dem Dashboard angegeben.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sah trotz der verfehlten Ziel­marke Grund zur Zufriedenheit. Die Ent­wicklung sei „nicht so schlecht“, sagte Gassen dem Redaktions­netz­werk Deutschland (RND). Er vermute, dass einige Menschen derzeit noch mit der Impfung warteten, bis ein auf die Omikron-Variante zuge­schnittener Impfstoff zur Verfügung stehe.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU), übte indes scharfe Kritik an Scholz. „Seit Dezember blieb es immer nur bei Ankündigungen und Zusagen, die sich entweder in Luft auflösten oder notdürftig verlängert werden mussten“, sagte Sorge den RND-Zeitungen.

Der Coronaexpertenrat der Bundesregierung verlangte unterdessen von den Verantwortlichen in Politik und Behörden eine bessere öffentliche Kommunikation zur Pandemie. Es bedürfe der „Einrichtung einer nachhaltigen Infrastruktur, um die Bevölkerung evidenzbasiert, schnell und effektiv zu informieren und in ihrer Risiko- und Handlungskompetenz zu unterstützen“, schrieben die Experten in einer vorgestern Abend verbreiteten Stellungnahme.

Offene Kritik übte das Gremium an der aktuellen Pandemiekommunikation: „Ein Mangel an Überein­stim­mung von verfügbaren Informationen, ihrer Bewertungen und den resultierenden Empfehlungen trägt zu Verunsicherung der Bevölkerung bei.“ Regierungssprecher Hebestreit kündigte eine Prüfung der Vor­schlä­ge an: „Die Bundesregierung ist froh über solche Stellungnahmen“, sagte er.

Trotz neuer Rekordzahlen bei den Coronainfektionen dauerte die Debatte über Lockerungen bei den Schutzmaßnahmen an. „Ich teile die Einschätzung eines ganz großen Teiles der Bevölkerung, dass wir alle gerne so schnell wie möglich aus den Einschränkungen heraus wollen“, sagte etwa der neue CDU-Chef Friedrich Merz. Lockerungen könnten in zwei bis drei Wochen angesagt sein.

Regierungssprecher Hebestreit bezeichnete Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt als „etwas verfrüht“. Er fügte aber hinzu: „In dem Moment, wo wir das Gefühl haben, verantwortlich lockern zu können, wird diese Bundesregierung und werden alle Landesregierungen genau diesen Schritt gehen.“


picture alliance, Marcus Brandt

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