Bundesärztekammer mahnt neu justierte Impfkampagne gegen SARS-CoV-2 an

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 10. August 2021

Die Bundesärztekammer (BÄK) drängt darauf, dass Bund und Länder heute ihre Impfkampagne neu justieren. Vor allem die Aufklärung über das Impfen gegen SARS-CoV-2 muss ausgebaut werden. Die Aufforderung „Ärmel hoch“ allein reiche nicht mehr aus, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt im Vor­feld der heutigen Bund-Länder-Beratungen.

Es sei Klarheit darüber notwendig, warum sich Menschen nicht impfen lassen wollten, damit man diese einzelnen Gruppen gezielt ansprechen könne. „Es ist doch nicht jeder zweite Deutsche überzeugter Impf­gegner“, so Reinhardt.

Seiner Meinung nach haben viele den Gang zum Arzt oder in das Impfzentrum möglicherweise aus pro­fanen Gründen aufgeschoben. Hier könnten kreative Incentivs die Motivation steigern. Andere fühlen sich Reinhardt zufolge nicht ausreichend infor­miert oder seien von Impfgegnern gezielt desinformiert worden.

„Diese Menschen müssen wir aufklären“, betonte der BÄK-Chef. Das könnten Ärzte allein aber nicht leis­ten. Vielmehr müsse die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung medial nachlegen und insbe­sondere in den sozialen Netzwerken auch über Fake-News aufklären. „Wir dürfen radikalen Impfgegnern nicht länger die Mei­nungsführerschaft in den sozialen Netzwerken überlassen“, so Reinhardt.

Die BÄK sprach sich heute für eine langfristige Strategie in der Coronapolitik aus, die es ermögliche, auf Dauer mit dem Virus leben zu können. „Wir können unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben nicht immer wieder aufs Neue stilllegen“, mahnte Reinhardt.

Statt simpler Lockdownpolitik mit dem Holzhammer im Sinne bloßer Kontaktreduzierung brauche es zielgenauere und evidenzbasierte Anti-Corona-Maßnahmen. Weil viele Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, unter den Beschränkungen in vielfältiger Form leiden würden, sei das auch aus medizini­schen und psychosozialen Gründen dringend erforderlich.

Aus Sicht der BÄK sind neben der Zahl der Neuinfektionen vor allem die Hospitalisierungsrate, die Zahl der tatsächlich an COVID-19 Erkrankten, die Testpositivrate, die Impfquote und die Altersstruktur der In­fizierten für die Beurteilung der Gefahrenlage entscheidend. Die im Juni ausgelaufene Bundesnotbrem­se, für die allein die Inzidenz ausschlaggebend war, sollte durch ein bundesweit einheitliches Ampelsystem mit verschiedenen Indikatoren ersetzt werden.

„Die meisten der dafür erforderlichen Daten werden von den Gesundheitsämtern, vom Robert-Koch-Institut sowie von Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften erhoben und liegen vor. Man muss sie nur nutzen“, so Reinhardt. Dauerhafte Einschränkungen für Ungeimpfte nach der 2-G-Regelung müssten aus seiner Sicht die „Ultima Ratio“ bleiben, wenn sich eine Überlastung der Kliniken nicht anders verhindern lasse. © may/EB/aerzteblatt.de


/picture alliance, Sebastian Gollnow

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