Boosterziele und Kritik

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 18.11.2021


Das Bundesgesundheitsministerium dringt beim weiteren Vorgehen in der Coronapandemie auf schnellere Fortschritte bei den Verstärkungen bereits länger zurückliegender Impfungen. Gemeinsames Ziel sollten 20 bis 25 Millionen Auffrischimpfungen bis zum Ende des Jahres sein, heißt es in einem Be­richt zu den Beratungen von Bund und Ländern heute. „Dafür müssen sich bundesweit durch­schnittlich drei Millionen Menschen in den kommenden Wochen für eine Auffrischimpfung entscheiden.“

Neben dem individuellen Schutz zeigten internationale Daten besonders aus Israel den hohen Nutzen von Drittimpfungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens. Denn sie führten zu einer niedrigeren Virenlast und damit geringeren Weiterverbreitung des Virus. „Gerade in der gegenwärtigen Phase ist das ein entscheidender Faktor.“

Für Impfverstärkungen („Booster“) stünden ausreichend Impfstoffe zur Verfügung, erläutert das Ministe­rium. Angesichts des stark steigenden Bedarfs solle in den kommenden Wochen zusätzlich zum Präparat von Biontech auch wieder vermehrt Impfstoff von Moderna dafür eingesetzt werden.

Ab nächster Woche sollten zudem alle Personen sechs Monate nach der zweiten Impfung über die Co­rona-Warn-App und die CovPass-App über Nutzen und die Möglichkeit einer Auffrischung erinnert wer­den. Bisher gebe es dies schon bei den Über-70-Jährigen.

Insgesamt steige die Zahl der täglichen Impfungen nach Wochen der sinkenden Nachfrage wieder. So seien in den vergangenen sieben Tagen so viele Erstimpfungen verabreicht worden wie seit sechs Wo­chen nicht mehr. „Booster“ hätten bisher rund 4,3 Millionen Menschen bekommen.

Ohne Impfschutz seien in Deutschland aktuell 24,8 Millionen Menschen. Darunter sind demnach 13,3 Millionen Erwachsene und 2,3 Millionen Kinder zwischen 12 und 17 Jahren sowie 9,2 Millionen Kinder unter 12 Jahren, für die es noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt.

Kritik an fehlender Planung

Kritik an der Politik kommt von Ärzten – vor allem wegen der fehlenden Planung bei den Boosterim­pfun­gen. „Wir haben schon im Sommer darauf hinge­wiesen, dass der Impfschutz nach circa sechs Monaten nach­lässt und sich die Politik in Bund und Län­dern um die Organisation der Auffrischimpfungen küm­mern muss. Passiert ist aber lange nichts“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Rein­hardt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Notwendig seien zusätzliche Impfangebote, etwa durch die Reaktivierung vorhandener Impfzent­ren.

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, kritisierte, Politiker wie der ge­schäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hätten zu früh Auffrischimpfungen für alle an­gekündigt. Es sei „ganz und gar nicht hilfreich“, wenn das Boostern über eine Pressekonferenz verkündet werde, bevor überhaupt klar sei, wie das effektiv organisiert werden solle. „Das müssen die Hausarzt­pra­xen nun ausbaden, weil alle glauben, dass sie jetzt dringend den dritten Piks brauchen.“

Weigeldt betonte, dass jüngere gesunde Menschen nicht auf den Tag genau nach sechs Monaten eine Auffrischungsimpfung bräuchten. „Im Fokus der aktuellen Boosterbemühungen müssen daher die vulne­rablen Gruppen bleiben, also die älteren und chronisch kranken Patientinnen und Patienten.“

„Jeder kann eine Boosterimpfung erhalten – aber eben nicht alle gleichzeitig“, erklärte Stephan Hof­meis­ter, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Daher bitte man die Patienten um Verständnis, wenn sie noch etwas Geduld aufbringen müssten.

Ebenso wichtig wie die Auffrischungsimpfungen sei aber weiterhin die Aufklärungsarbeit, die die Praxen bei den Impfskeptikern leisten. „Das Impfen ist unser Weg aus der Pandemie. Die Impfung ist sicher, das möchte ich hier noch einmal ganz deutlich betonen. Daher plädiere ich an alle, die es bisher noch nicht getan haben: Lassen Sie sich impfen“, sagte KBV-Chef Andreas Gassen.

Auch nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) müssen sich viele Menschen noch bis zur Auffrischung ihres Schutzes gedulden. Trotz politischer Aussagen, wonach die bisherigen Voraussetzungen für den Booster bald fallen könnten, werde es „nicht möglich sein, die damit geweckten Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger auf kurzfristige Impfungen zu erfüllen“, erklärte KVN-Vorstand Mark Barjenbruch.

Er rief dazu auf, „Ruhe zu bewahren und nicht auf Ad-hoc-Terminen in Praxen zu bestehen“. Der Impf­schutz verschwinde nicht automatisch nach sechs Monaten. Barjenbruch erklärte, dass die Arztpraxen die Impfstoffe eine Woche im Voraus bestellen müssten. Die Termine würden dann entsprechend der vor­han­denen Impfstoffmenge unter Berücksichtigung der medizinischen Priorisierung vergeben.

Nachdem die Ständige Impfkommission heute eine Auffrischungsimpfung für alle ab 18 Jahren em­pfiehlt, wollen die Betriebs- und Werksärzte möglichst schnell an der Aktion beteiligt werden. „Wir stehen bereit - wir brauchen den Impfstoff, dann können wir in den Betrieben Booster-Impfungen durchführen“, sagte der Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Im Dezember könne man damit beginnen.

Die Beschäftigten frühestens sechs Monate nach der Grundimmunisierung erneut zu impfen, sei schon relativ spät – „da sollte man eher ein bisschen früher loslegen“, fügte Panter hinzu. Die Beteiligung der Arbeitsmediziner hätte auch jetzt wieder eine große Wirkung. Auf dem Höhepunkt der Impfaktion im Sommer hätten in der Spitze knapp 7.000 Betriebsärzte Impfstoff bestellt, sagte der Verbandspräsident.


/picture alliance, Eibner-Pressefoto, Weber

0 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen