Bispezifische Antikörper neutralisieren SARS-CoV-2 stärker

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 15. September 2021


Bispezifische Antikörper, die gleichzeitig 2 verschiedene Antigene binden, haben in Laborexperimenten in Science Translational Medicine (2021; DOI: 10.1126/scitranslmed.abj5413) eine bis zu 100-fach stärkere neutralisierende Wirkung gegen SARS-CoV-2 erzielt als ein Cocktail der beiden monospezifischen Komponenten. Bei Hamstern konnte eine Infektion sicher verhindert werden.

Die beiden „Arme“ von bispezifischen Antikörpern lassen sich vielfältig nutzen. Der BiTE-Antikörper Bli­na­tumomab, der zur Behandlung einer Variante der akuten lymphatischen Leukämie zugelassen ist, bin­det gleichzeitig am Oberflächenprotein CD19 der Leukämiezelle und dem CD3-Rezeptor der T-Zellen und verstärkt so die körpereigene Krebsabwehr. Emicizumab bringt mit seinen beiden „Armen“ die Faktoren IXa und X zusammen und übernimmt so die Rolle des bei der Hämophilie A fehlenden Faktors VIII.

Neutralisierende Antikörper könnten gleichzeitig an 2 unterschiedlichen Stellen von SARS-CoV-2 binden. Sie würden dann auch noch wirksam sein, wenn sich eine Bindungsstelle durch Mutation verändert hat, wodurch eine neue Virusvariante entsteht.

Bispezifische Antikörper könnten im Prinzip auch 2 Viren verknüpfen und dadurch eine Infektion verhin­dern. Ein weiterer Vorteil wäre, dass sie leichter und kostengünstiger zu produzieren sind als Antikörper­cocktails aus verschiedenen Antikörpern, die derzeit in der Prävention und Behandlung von COVID-19 bevorzugt werden.

Ein Team um Joshua Tan vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in Rockville Maryland hat zunächst im Blut von 216 Genesenen nach Antikörpern mit einer besonders starken Bin­dung an die Rezeptorbindungsstelle und das N-terminale Ende des Spikeproteins von SARS-CoV-2 gesucht. Insgesamt 6 besonders bindungsstarke Antikörper wurden dann zu 10 verschiedenen bispezi­fischen Antikörpern verknüpft.

Einige dieser bispezifischen Antikörper zeigten in Labortests eine deutlich verstärkte Bindung. Bei einem bispezifischen Antikörper war die neutralisierende Wirkung sogar 100-fach stärker als ein Cocktail seiner beiden monospezifischen „Eltern“. Zwei bispezifische Antikörper neutralisierten neben dem Wildtyp von SARS-CoV-2 auch die Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta-Varianten.

Zwei bispezifische Antikörper wurden danach an Hamstern auf ihre Fähigkeit hin untersucht, die Tiere vor einer Erkrankung zu schützen. Die präventive Behandlung erwies sich gegen Infektionen mit dem Wild­typ als wirksam, schützte aber auch vor Viren mit der Mutation E484K, die in der Beta- und Gamma- und teilweise auch in der Alpha-Variante vorkommen. Tan sieht in den bispezifischen Antikörpern eine Mög­lich­keit, besser auf neue Varianten des Erregers reagieren zu können.



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