top of page

Berufsmonitoring zeigt Erwartungen der künftigen Ärztegeneration

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag.11.2022


Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie geregelte und flexible Arbeitszeiten ­– dies sind die drei am häufigsten von Medizinstudierenden in Deutschland genannten Erwartungen an ihr künftiges Be­rufsleben.

Wie schon bei den vorangegangenen Befragungswellen des „Berufsmonitorings Medizinstudierende“ gab eine deutliche Mehrheit (80 bis 93 Prozent) der im Juni dieses Jahres online befragten 8.600 Medizinstudierenden diese als die entscheidenden Faktoren für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes an.

Wünsche nach dem Behandeln eines breiten Krankheitsspektrums, dem Kennenlernen der Krankheitsge­schich­te und der Lebensumstände der Patienten sowie der Wunsch nach Teamarbeit spielt bei etwa zwei Dritteln der befragten Medizin­studierenden ebenfalls eine große Rolle (64 bis 68 Prozent). Später eine eigene Praxis wünschen sich 55 Prozent der Teilnehmenden.

Vorgenommen wird das „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ seit 2010 alle vier Jahre durch die Universität Trier im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in Kooperation mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Erstmals wurde bei der diesjährigen vierten Befragungswelle auch eine kleinere Stichprobe unter Medizinstudierenden in Frankreich und der Schweiz erhoben (jeweils etwa 330 Studierende).

Während die Erwartungen der Studierenden in der Schweiz relativ übereinstimmend zu denen der deutschen Medizinstudierenden seien, hätten sich bei den französischen Studierenden Unterschiede gezeigt, erläuterte heute Rüdiger Jacob, Akademischer Direktor im Fach Soziologie der Universität Trier, in Berlin.

Der Wunsch nach geregelten und flexiblen Arbeitszeiten spiele in Frankreich eine geringere Rolle, wichtiger sei der neuen Ärztegeneration in Frankreich dagegen die Möglichkeit, die Krankheitsgeschichte und der Le­bensumstände der Patienten kennenzulernen sowie der Wunsch nach Teamarbeit. Eine eigene Praxis wollen in der Schweiz (49,7 Prozent) und in Frankreich (41,8 Prozent) nur weniger als die Hälfte der Medizinstu­die­renden.

Die Niederlassung als eine Option sehen in Deutschland 73,6 Prozent der Medizinstudierenden – ein Wert, der über die Jahre auch relativ konstant blieb. Veränderungen zu den Vorjahren konnte Jacob jedoch bezüglich der Option einer Anstellung feststellen: So konnten sich jetzt 96 Prozent der Studierenden vorstellen als an­gestellte Ärztinnen und Ärzte zu arbeiten, 2014 waren es lediglich 89,3 Prozent.

Interessant sei, dass dabei vor allem die Option einer Anstellung im ambulanten Sektor wichtiger werde und der Wunsch nach einer Anstellung im Krankenhaus abnehme, sagte Jacob. 77,4 Prozent der Befragten würden mittlerweile angestellt im ambulanten Bereich arbeiten wollen, im Krankenhaus nur 72 Prozent. Vor einigen Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt.

„Unser ambulantes System funktioniert wie ein Bienenstock. Wir arbeiten als selbst­ständige Ärzte in kleinen Zellen – allerdings sind die Rahmenbedingungen nicht einfach“, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsit­zende der KBV, Stephan Hofmeister. Da die Arbeit nicht weniger werde, brauche es neue Wege, um die Attrak­tivität des ambulanten Sektors zu steigern.

Persönlicher Kontakt mit ärztlichen Ausbildern könne dazu beitragen, dass Studierende die ambulante Medi­zin als spannend, vielseitig, erfüllend, aber nicht explizit risikoreich erleben, betonte Hofmeister. Für die Aus­bildung des Nachwuchses im ambulanten Bereich müsse aber Geld ausgegeben werden. Zudem dürfe die Po­litik den Versicherten auch kein unbegrenztes Leistungsversprechen mehr machen. „Die ständige Verfügbar­keit halte ich für falsch“, sagte er heute.

Bezüglich des Interesses an der Allgemeinmedizin zeigte die Befragung eine steigende Tendenz: Während sich 2010 nur 29,3 Prozent der Medizinstudierenden dafür interessierten, waren es in diesem Jahr 36,8 Pro­zent.

Interessant ist dabei, dass die Präferenz für das Fach während des Studiums zunimmt. Während sich in der Vor­klinik nur 33 Prozent der Befragten vorstellen konnten, die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu absolvie­ren, waren dies in den klinischen Semestern bereits 38 Prozent und unter den Studierenden im Praktischen Jahr (PJ) 36,7 Prozent.

Eine gegenläufige Entwicklung ist anhand des Berufsmonitorings für das Fach Chirurgie festzustellen: Die Chirurgie, für die sich 25,7 Prozent der Studierenden interessieren, stellt im Verlauf des Studiums immer weniger eine Option für die Nachwuchsärzte dar.

Während in der Vorklinik noch 35 Prozent der Studierenden dafür als Berufsziel votierten, gaben in den klini­schen Semestern nur noch 22,6 Prozent und im PJ sogar nur noch 19,3 Prozent die Chirurgie als ein Wunsch­fach an.

Potenzial, um die Versorgung der Patienten zu verbessern, sehen die Studierenden vor allem in der Koopera­tion mit anderen medizinischen Berufen sowie in der Digitalisierung. „Die Wünsche von uns Studierenden sind keine Eintagsfliegen“, sagte Miriam Wawra, bvmd-Präsidentin.

Das Berufsmonitoring zeigt auch, dass Studierende sich derzeit hinsichtlich der Digitalisierung der medizini­schen Versorgung bisher wenig auf die Zukunft vorbereitet fühlen. Auch die interprofessionelle Versorgung muss nach ihrer Ansicht zentraler Bestandteil der Versorgung der Zukunft sein. „Interprofessionelle Ausbil­dung muss bereits integraler Bestandteil des Medizinstudiums sein“, betonte Katharina Freitag, Medizinstu­dierende von der Universität Leipzig.


/picture alliance, Guido Kirchner

0 Ansichten0 Kommentare
Beitrag: Blog2_Post
bottom of page