top of page

Bei supprimiertem Immunsystem droht Krebspatienten unter Therapie ein schwerer COVID-19-Verlauf

Deutsches Ärzteblatt vom Freitag, 4.11.2022


Krebspatienten mit supprimiertem Immunsystem, die eine Immuntherapie erhalten, haben häufiger einen schwereren COVID-19-Verlauf als diejenigen, die in den 3 Monaten vor der COVID-19-Diagnose keine solche Therapie erhalten haben. Das zeigt eine Studie aus den USA, Kanada und Mexiko, deren Ergebnisse im JAMA Oncology publiziert wurden (2022; DOI: 10.1001/jamaoncol.2022.5357).

Die beteiligten Wissenschaftler berichten, dass sowohl der Verlauf der COVID-19-Erkrankung selbst, aber auch die starke Immunreaktion, der Zytokinsturm, der die Erkrankung manchmal begleitet, deutlich schlimmer ausgefallen seien.

Auch immunkomprimierte Patienten, die mit anderen systemischen Substanzen behandelt wurden, hatten häufiger einen schweren COVID-19-Verlauf als unbehandelte Patienten – aber nicht im gleichen Ausmaß wie diejenigen, die eine Immuntherapie erhielten.

Bei Immunkompetenz ist Immuntherapie nicht mit schlimmerem COVID-19-Verlauf assoziiert

Andererseits zeigte die Studie aber auch, dass mit Immuntherapien behandelte Patienten, deren Immunsys­tem gesund war, keinen schlimmeren COVID-19-Verlauf hatten als unbehandelte Patienten.

„Es ist mittlerweile bekannt, dass Krebspatienten unverhältnismäßig stark von COVID-19 betroffen sind, und es gibt Hinweise darauf, dass Patienten, die mit bestimmten systemischen Therapien behandelt werden, oft schlechtere Outcomes haben“, sagte Toni Choueiri, einer der Seniorautoren der Studie und Direktor des Lank Center for Genitourinary Oncology am Dana-Farber Cancer Institute in Boston.

„Unsere Studie sollte zeigen, welche Patienten das höchste Risiko für negative Outcomes bei einer COVID-19-Erkrankung haben.“

Untersucht wurde die Erkrankungsschwere und das Risiko eines Zytokinsturms

Die Forschungsgruppe analysierte Registerdaten von 12.046 Patienten (median 65 Jahre alt) mit COVID-19, die an Krebs litten oder gelitten hatten. Es ist einer der größten Datensätze zum Zusammenhang zwischen Krebs und COVID-19, der bislang untersucht wurde.

Der primäre Endpunkt der Studie war eine 5-stufige Skala der COVID-19-Schwere: keine Komplikationen, Hospitalisierung ohne Sauerstoffbedarf, Hospitalisierung mit Sauerstoffbedarf, Behandlung auf der Intensiv­station und/oder mechanische Beatmung, Tod. Der sekundäre Endpunkt war das Auftreten eines Zytokin­sturms.

Kein Unterschied in der Gesamtkohorte

Insgesamt 599 Patienten (5,0 %) erhielten eine Immuntherapie, während 4.327 (35,9 %) mit einer anderen systemischen Krebstherapie behandelt wurden. Und 7.120 Patienten (59,1 %) hatten in den 3 Monaten vor der COVID-19-Diagnose gar keine Krebstherapie erhalten.

In der Gesamtkohorte zeigte sich hinsichtlich der Erkrankungsschwere und des Auftretens eines Zytokin­sturms kein signifikanter Unterschied zwischen der mit einer Immuntherapie behandel­ten Gruppe und der unbehandelten Gruppe.

Bei COVID-19 sind Immunsuppression und Immuntherapie eine schlechte Kombination

Aber es stellte sich heraus, dass es Patienten, die sowohl immunkompromittiert waren als auch mit Immun­therapien behandelt wurden, sehr viel schlechter erging als denjenigen, die diese Therapien nicht erhielten. Die adjustierte Odds-Ratio für einen schweren COVID-19-Verlauf betrug in dieser Gruppe 3,33. Für das Auf­treten eines Zytokinsturms lag sie bei 4,41.

„Sowohl der Zytokinsturm als auch die Todesfälle durch COVID-19 waren in dieser Gruppe 3- bis 4-mal häufi­ger“, so einer der Erstautoren, Ziad Bakouny vom Department of Medical Oncology am Dana-Farber Cancer Institute in Boston, USA.

Ähnliches, wenn auch nicht im selben Ausmaß, war bei immunsupprimierten Patienten zu beobachten, die andere systemische Therapien erhielten. Auch sie hatten häufiger schwere COVID-19-Verläufe (aOR 1,79) und häufiger einen Zytokinsturm (aOR 2,32).

Hochrisikopatienten sollten Schutzmaßnahmen ergreifen

Die wichtigste Botschaft der Studie sei, so die Autoren, dass Patienten mit hohem Risiko für schwere COVID-19-Verläufe Maßnahmen ergreifen sollten, um ihr Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten – durch das Tragen einer Maske, die Vermeidung von Menschenansammlungen und einen ausreichenden Impfschutz.

„Hochrisikopatienten, die einem Infektions­risiko ausgesetzt waren, sollten sich rasch testen lassen“, betonten die Wissenschaftler. „Fällt der Test positiv aus, sollten sie mit Antikörpern oder anderen Medikamenten behan­delt werden, die die Schwere der Erkrankung reduzieren können.“

Patienten, deren Immunsystem nicht supprimiert ist, könnten dagegen sicher mit Krebstherapien – Immun­therapien oder andere Substanzen – behandelt werden, ohne dass sie bei einer COVID-19-Infektion ein zusätzliches Risiko für einen schweren Verlauf hätten.


/RFBSIP, stock.adobe.com

0 Ansichten0 Kommentare
Beitrag: Blog2_Post
bottom of page