Astrazeneca: STIKO bleibt zunächst bei Impfempfehlung für Menschen ab 60 Jahren

Deutsches Ärzteblatt vom Donnerstag, 8. April 2021

Die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur uneingeschränkten Anwen­dung des Coronaimpfstoffes von Astrazeneca hat zunächst keine unmittelbare Auswirkung auf das bis­herige Votum der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Deutschland, nur Menschen über 60 Jahren mit dem Vakzin gegen SARS-CoV-2 zu impfen. Das bestätigte ein Sprecher des Robert-Koch-Instituts (RKI) dem Deutschen Ärzteblatt auf Nachfrage.

Das Festhalten deutete sich bereits gestern Abend bei einer Onlinediskussion des Science Media Centers an. Was die EMA gemacht habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte STIKO-Mitglied und In­fek­­ti­ons­immunologe Christian Bogdan. „Aber das, was die STIKO gemacht hat, kann man sicherlich ge­nauso rechtfertigen."

Die STIKO hatte den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt erst ab 60 Jahren empfohlen – und dabei auch Erfah­rungen aus Großbritannien mit einbezogen, das schon einige Monate länger ältere Menschen mit diesem Vakzin impft. Die EMA-Entscheidung werde aber sicher ein Thema in einer der nächsten STIKO-Sitzun­gen werden, ergänzte Bogdan. „Vielleicht gibt es dann ja auch einen Begründungstext. Da werden wir uns nicht primär an einer Pressemitteilung orientieren.“

Auch die Entscheidung der britischen Arzneimittelbehörde MHRA von gestern, das Astrazeneca-Vakzin nur noch an Erwachsene über 30 Jahre zu geben, habe keinen unmittelbaren Einfluss auf die Empfehlun­gen für Deutschland.

Grund für die STIKO-Einschränkung vor rund einer Woche war unter anderem das Auftreten von Hirnve­nenthrombosen bei ein bis zwei unter 100.000 geimpften jüngeren Frauen in Deutschland. Es gab auch wenige Fälle bei Männern in Deutschland – allerdings wurden bisher bundesweit 2,5 Mal mehr Frauen das erste Mal mit Astrazeneca geimpft.

„Es muss etwas sehr Seltenes sein“, sagte Bodgan zu der schweren Nebenwirkung. „Wir müssen hier ei­nen Mechanismus haben, wo es eine gewisse quasi Prädisposition geben muss.“ Denn wenn die Throm­bosen durch das Transportmittel, durch das der Impfstoff in die Zellen geschleust wird, bedingt wären, „dann müsste das sehr viel häufiger auftreten“. Es gebe auch keinen ihm bekannten Hinweis, dass es eine Geschlechterpräferenz bei dem Mechanismus gebe, ergänzte er. Auch mehrere Mechanismen bei unter­schiedlichen Patienten seien möglich.

Trotz sehr seltener Fälle von Hirnthrombosen hat die EU-Arzneimittelbehörde gestern uneingeschränkt die Anwendung des Coronaimpfstoffes von Astrazeneca empfohlen. Der Nutzen des Wirkstoffes sei höher zu bewerten als die Risiken, hieß es zur Begründung. Bei Gremienentscheidungen gehe es immer auch um das Empfinden der einzelnen Gremienmitglieder und um Fragen der nationalen Betroffenheit, sagte Bogdan.

Kein Widerspruch

STIKO-Chef Thomas Mertens betonte heute im rbb-Inforadio, dass es keinen Widerspruch zwischen den Einschätzungen der EMA, dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und der STIKO gebe. Dass der Astrazeneca-Impfstoff in seltenen Fällen zu schweren und auch lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen könne, bestreite niemand.

Mertens betonte vielmehr die unterschiedlichen Aufgaben und Blickwinkel der Institutionen: Die EMA sei für die grundsätzliche Zulassung zuständig, machte er deutlich. Bei der STIKO gehe es vielmehr da­rum, den Impfstoffeinsatz zum besten Nutzen der Bevölkerung in Deutschland zu regeln.

Wenn man ganz Europa betrachte, habe die EMA mit ihrer positiven Bewertung der Impfung sicher recht, betonte Mertens: „Denn es gibt viele Länder in Europa, die auch in ihrer Impfkampagne fast völlig von Astrazeneca abhängen.“ In Deutschland sei das anders, auch andere Präparate stünden zur Verfügung: „Wir haben die Möglichkeit, Impfstoffe in den Altersgruppen zu verschieben und dadurch das Risiko einer schweren Nebenwirkung zu reduzieren oder ganz auszuschließen.“

Mit Blick auf unterschiedliche Altersbeschränkungen in EU-Ländern erläuterte Mertens, dass jedes Land seine eigenen Daten betrachte. Die EU-Staaten hätten unterschiedliche, kaum miteinander vergleichbare Meldesysteme für Nebenwirkungen. Eine Art europäische STIKO fehle: „Es gibt derzeit keine europäische Institution, die eine gemeinsame Empfehlung für alle europäischen Länder ausarbeiten und durchsetzen könnte.“

EU-Gesundheitskommissarin Stelle Kyriakides rief die EU-Staaten bei einer Videokonferenz der nationa­len Ge­sund­heits­mi­nis­ter zu einem abgestimmten Vorgehen auf, um das öffentliche Vertrauen zu stärken. „Unsere Entscheidungen sollten nun auf der wissenschaftlichen Arbeit der EMA beruhen, und einer gründlichen, fortlaufenden Bewertungen der Risiken und Vorteile.“

Auch der portugiesische Vorsitz der EU-Staaten forderte die Mitgliedsstaaten zu einer möglichst abge­stimmten Position auf. Portugals Ge­sund­heits­mi­nis­terin Marta Temido sagte: „Das ist eine technische Ent­scheidung. Es ist keine politische Entscheidung.“ Man dürfe nicht vergessen, dass einzelne Entschei­dungen sich auf alle auswirkten.

In den ersten Ländern wurden nach der EMA-Mitteilung bereits Entscheidungen zur weiteren Verwen­dung des Astrazeneca-Präparats getroffen. Italien änderte seine Richtlinien – Astrazeneca wird nun wie in Deutschland nur noch für über 60-Jährige empfohlen. Das gab der Präsident des obersten Gesund­heits­­ins­tituts (CTS), Franco Locatelli bekannt.

In Spanien soll der Impfstoff von Astrazeneca vorerst nicht mehr an unter 60-Jährige verabreicht werden. Das habe das Ge­sund­heits­mi­nis­terium den Regionen des Landes empfohlen, teilte Ministerin Carolina Darias in der Nacht zu heute in Madrid mit.

Es handele sich um einen vorläufige Vorschlag. „Mit den bisher vorliegenden Informationen und als Vorsichtsmaßnahme wird empfohlen, den Impfstoff bei Menschen ab 60 Jahren einzusetzen“, so Darias nach einem Treffen des Interterritorialen Gesundheitsrates. In Österreich sprach sich das nationale Impfgremium dafür aus, der EMA-Empfehlung zu folgen. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de


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