AstraZeneca: Kein Impfstoff zweiter Klasse

ZEIT ONLINE vom 16.02.2021, aktualisiert am 23.02.2021

Von Linda Fischer, Theresa Palm und Florian Schumann

Nur 60 Prozent wirksam? Viele halten den AstraZeneca-Impfstoff für minderwertig. Diese Annahme ist falsch. Warum unterschätzt wird, wie gut auch diese Impfung schützt.

Wer möchte schon einen Impfstoff mit 60 Prozent Wirksamkeit bekommen, wenn es doch auch welche mit 95 Prozent gibt? Die Vakzine des britisch-schwedischen Unternehmens AstraZeneca hat bei vielen Menschen keinen allzu guten Ruf. Wenn sie die Wahl hätten, würden sich nur zwei Prozent der Deutschen für den Vektorimpfstoff entscheiden, wie aus einer repräsentativen Befragung des Hamburg Center for Health Economics hervorgeht. Auch unter medizinischem Personal, das jetzt vorwiegend mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft wird, regt sich Unmut. Viele fragen sich, warum sie einen weniger wirksamen Impfstoff bekommen. Das bestätigt auch der Immunologe und Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité. "Die Menschen legen die Zahlen zur Wirksamkeit nebeneinander und einige sagen: Den wollen wir nicht haben."

Eine Überlegung, die nachvollziehbar ist. Schließlich will jeder und jede für sich den bestmöglichen Schutz, und 95 sind nun einmal mehr als 60. Aber die Sache mit der Wirksamkeit ist leider (oder zum Glück) etwas komplizierter.

Vorab gleich eine Klarstellung: Neue, noch nicht von Expertinnen begutachtete Daten der Universität Oxford deuten übrigens darauf hin, dass der Impfstoff von AstraZeneca deutlich wirksamer sein könnte als 60 Prozent, wenn erste und zweite Dosis mindestens zwölf Wochen auseinander liegen (Voysey et al., 2021). Die Wirksamkeit wird hier aber mithilfe der zuvor veröffentlichten Studiendaten erklärt, auf deren Basis die Europäische Arzneimittelagentur Ema den Impfstoff zugelassen hat. In den maßgeblichen Analysen lagen erste und zweite Dosis vier bis zwölf Wochen auseinander, es ergab sich eine Wirksamkeit von 59,5 Prozent.

Der technische Begriff Wirksamkeit ist irreführend

Um die Impfstoffe vergleichen zu können, müssen wir erst einmal klären, was Wirksamkeit überhaupt bedeutet. Denn das Wort lässt sich intuitiv falsch verstehen. Etwa so: Ein Impfstoff wirkt bei 60 Prozent der Geimpften, also denken viele: Vier von zehn Menschen erkranken trotz Impfung an Covid-19. Nur ist diese Annahme falsch. "Der technische Begriff Wirksamkeit ist irreführend, weil er mit der Alltagsbedeutung verwechselt wird", sagt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz. Er kennt das Problem schon lange. Ein gutes Beispiel sei die jährliche Grippeimpfung. "Wenn sie eine Wirksamkeit von 50 Prozent hat, heißt das nicht, dass jeder zweite Geimpfte die Grippe bekommt", sagt Gigerenzer. "Sondern unter den Geimpften gibt es nur halb so viele Fälle wie unter nicht Geimpften." Das gleiche Missverständnis sehe man nun bei Corona. Gigerenzer schlägt daher einen anderen Ausdruck vor, mit dem die Vorstellung leichter falle: relative Risikoreduktion.

Für manche dürfte auch das recht kompliziert klingen, aber es trifft den Kern der Sache: Der Prozentwert, der als Ergebnis der Impfstoffstudien in die Öffentlichkeit gelangt, gibt an, wie viel geringer die Zahl der Erkrankungen bei Geimpften im Vergleich zu Nicht-Geimpften ist. Bei der Wirksamkeit handelt es sich also um einen Vergleich des Risikos zwischen Geimpften und Ungeimpften.

Alle groß untersuchten Impfstoffe schützen sehr gut

"Im Alltag wird es für die meisten Menschen keinen nennenswerten Unterschied machen, welchen Impfstoff sie bekommen haben", sagt der Immunologe und Infektiologe Leif Erik Sander. Wichtig sei, dass sie überhaupt geimpft sind. Bedeutender als diese Prozentwerte ist nämlich die Frage, wie schwer man trotz Impfung erkranken kann.

Darüber sagt die Wirksamkeit erst einmal nichts aus. Angaben wie 95 Prozent bei BioNTech und 60 Prozent bei AstraZeneca beziehen sich auf symptomatische Infektionen und geben an, wie stark die Impfungen das Risiko senken, zum Beispiel Fieber, Husten oder Geschmacksverlust zu bekommen. Entscheidend ist jedoch: Alle Impfstoffe und Kandidaten, die bisher in großen Studien getestet wurden, scheinen sehr gut vor schweren Komplikationen zu schützen. Das betrifft BioNTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca, Johnson & Johnson, Novavax sowie den russischen Impfstoff Sputnik V und die Vakzine von Sinovac aus China. In den Studien musste nicht eine vollständig geimpfte Person wegen Covid-19 ins Krankenhaus, keine einzige starb.

Das Risiko mit Impfung an Covid-19 zu sterben? Verschwindend gering

Welch großen Schutz eine Impfung bietet, zeigt sich in Ländern, in denen nun schon seit einigen Monaten geimpft wird. Etwa in Israel, wo die Impfquote besonders hoch ist. Meist wurde dort mit dem BioNTech-Impfstoff Comirnaty geimpft: Der Auswertung von Daten einer israelischen Krankenkasse zufolge gab es unter rund 523.000 Versicherten, die bereits zweimal geimpft wurden, 544 Personen mit einer diagnostizierten Sars-CoV-2-Infektion. Nur 15 davon mussten in einer Klinik behandelt werden: Acht hatten lediglich milde Beschwerden, drei moderate Symptome und nur vier wurden als schwere Verläufe klassifiziert. Niemand von diesen 544 starb an den Folgen der Infektion.

"Ich halte das Risiko, nach der Impfung wegen Covid-19 auf der Intensivstation zu landen oder zu sterben, für verschwindend gering", sagt Sander. Die Impfstoffe – auch der von AstraZeneca und Forschenden der University of Oxford – leisten nach bisherigen Daten, was vielen Menschen am wichtigsten sein dürfte: Sie schützen davor, schwer zu erkranken, nicht mehr selbst atmen zu können oder gar an der Infektion zu sterben. Allein seien die Studiendaten momentan noch nicht aussagekräftig genug, um den Schutz vor schweren Erkrankungen prozentgenau zu beziffern. Aber: "Der Trend ist überall der gleiche, das sehen wir bei allen Impfstoffen", sagt Sander.

Vielleicht reiche bei einem etwas weniger wirksamen Impfstoff die Zahl neutralisierender Antikörper nicht aus, um in den oberen Atemwegen einen Infekt zu verhindern, wenn man mit dem Virus in Kontakt kommt. "Dann kriegen die Menschen vielleicht noch Hals- oder Kopfschmerzen", sagt Sander. "Aber potenziell tödliche Folgen wie das Lungenversagen scheinen ausgeschlossen zu sein." Und: Es gäbe zwar noch keine Daten dazu, aber Sander ist zuversichtlich, dass die Impfung auch das Auftreten von Long Covid deutlich reduziert. Damit sind länger anhaltende Beschwerden gemeint, die Menschen erleben, auch wenn sie die eigentliche Infektion längst hinter sich haben – selbst wenn diese nur mild verlaufen ist.

Plausibel wäre auch, dass eine Impfung moderate Verläufe in milde oder milde in asymptomatische umwandelt. Menschen, die ansonsten beispielsweise Fieber oder leichte Atemnot gehabt hätten, könnten nun kaum etwas von der Infektion mitbekommen, sagt Immunologe Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung – auch wenn sich das noch nicht mit Sicherheit vorhersagen ließe.

Auch das Ansteckungsrisiko dürfte sich verringern

Wie effektiv die Impfstoffe davor schützen, andere Personen anzustecken, ist noch unklar. Studien dazu laufen, sind allerdings etwas aufwendiger als die bisherigen Analysen und dauern länger. Eine neue Studie zum AstraZeneca-Impfstoff – die allerdings noch nicht von Fachleuten final begutachtet wurde – stimmt zumindest teilweise zuversichtlich: Die Proben von Personen in Großbritannien, die sich nach ihrer Impfung mit Sars-CoV-2 infizierten, wurden darin genauer untersucht. Die vorläufigen Daten zeigen, dass die Viruslast unter Geimpften signifikant niedriger war als unter Nichtgeimpften – auch wenn es unter ihnen immer noch Personen gab, die größere Mengen an Virusmaterial im Rachen hatten (Preprint: Emray et al., 2021).

Auch erste Daten von BioNTech und Pfizer aus Israel lassen darauf schließen, dass Menschen, die sich frühestens zwölf Tage nach der ersten Impfdosis infizieren, weniger Virus im Rachen haben als Personen, die sich in den ersten Tagen nach der Impfung anstecken (MedRxiv: Tiefenbrun et al., 2021). "Ob sich mit der Impfung verhindern lässt, dass die Menschen das Virus übertragen, wird aus der Datenlage nicht deutlich", sagt der Immunologe Cicin-Sain. "Wenn aber die Viruslast von vielen Geimpften niedriger ist, dann können sie damit theoretisch auch weniger Virus in die Umwelt hinaustragen – also könnte sich damit die Ansteckungsgefahr verringern." Allerdings zeigen die Daten eben auch: Es kann schon sein, dass manche Menschen nach der Impfung ansteckend bleiben.

Neben der Übertragbarkeit ist zuletzt noch ein anderes Thema in den Fokus gerückt: neue Virusvarianten wie B.1.1.7, die erstmals in Großbritannien aufgefallen ist, oder die in Südafrika entdeckte Variante B.1.351, die zuletzt auch gehäuft in Tirol nachgewiesen wurde. Vor allem bei letzterer gibt es die Befürchtung, dass Impfstoffe nicht mehr so gut wirken könnten. In Südafrika wurde sogar das Impfen mit dem Impfstoff von AstraZeneca gestoppt, und nun will die dortige Regierung gar eine Million Impfstoffdosen an das Serum Institute of India zurückgeben. Grund sind Studienergebnisse, die darauf schließen lassen, dass die Vakzine gegen die Variante B.1.351 kaum mehr wirksam sein könnte (MedRxiv: Madhi et al., 2021). Allerdings war die Analyse zu klein, um statistisch aussagekräftig zu sein. Außerdem – und das ist wichtig – wurden nur milde und moderate Verläufe untersucht, keine schweren.

Tatsächlich haben auch Studien mit anderen Impfstoffen ergeben, dass wohl mehr Antikörper benötigt werden, um die Corona-Variante B.1.351 zu neutralisieren. Es könnte also sein, dass Impfungen hier weniger effektiv davor schützen, Covid-19-Symptome zu entwickeln. Leif Erik Sander ist aber trotzdem zuversichtlich, dass alle in der EU zugelassenen Impfstoffe auch nach Infektion mit einer Mutante zumindest vor einem schweren Verlauf schützen – und zwar durch die T-Zell-Antwort. Im Gegensatz zu Antikörpern, die an bestimmten Stellen auf einem Oberflächenprotein des Virus ansetzen, richteten sich T-Zellen auch gegen andere Regionen dieses Proteins, die durch die Mutationen nicht verändert sind. Daher – so die Hoffnung – könnte das Immunsystem das Virus trotzdem noch unschädlich machen.

Sander fasst zusammen: "Lassen Sie sich impfen." Das rät er jeder und jedem, die oder der die Chance dazu hat – auch wenn es der Impfstoff von AstraZeneca ist und man eigentlich lieber den von BioNTech oder Moderna wollte. "Wenn Sie ganz großes Pech haben, infizieren Sie sich danach trotzdem und bekommen leichte Symptome", sagt Sander. Ein schwerer Verlauf sei aber so gut wie ausgeschlossen. Und wer nach Monaten unsicher sei, weil sich zunehmend neue Virusvarianten ausbreiten, könne seinen Impfschutz wahrscheinlich mit jedem anderen Impfstoff auffrischen lassen. Aus immunologischer Sicht spreche nichts dagegen. Aller Voraussicht nach, so erklären es auch mittlerweile andere Fachleute aus der Impfstoffforschung, verbaut man sich also nicht die Chance auf einen anderen Impfstoff, wenn man zuerst AstraZeneca bekommt.





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