Antikörper gegen harmlose Coronaviren unterstützen SARS-CoV-2-Immunität

Deutsches Ärzteblatt vom Dienstag, 23.11.2021


Infektionen mit saisonalen Coronaviren, die mit für die häufigen Erkältungen von Kleinkindern in den ersten Lebensjahren verantwortlich sind, könnten vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 und schwe­ren Verläufen von COVID-19 schützen.

Die seit einiger Zeit von Forschern diskutierte protektive Wirkung von kreuzreaktiven Antikörpern wird in einer Studie in Nature Communications (2021; DOI: 10.1038/s41467-021-27040-x) bestätigt.

SARS-CoV-2 ist nicht das einzige Coronavirus. Mindestens 4 Verwandte verursachen weltweit regelmäßig Epidemien. OC43, HKU1, NL63 und 229E lösen keine Public Health-Maßnahmen aus, da sie nur harmlose Erkältungen verursachen. Betroffen sind vor allem Kinder in den ersten Lebensjahren. Später stellt sich eine Immunität ein, die Erwachsene vor den für sie möglicherweise schwereren Erkrankungen schützt.

Ein Team um Alexandra Trkola von der Universität Zürich hat jetzt den Einfluss dieser Immunität auf das Infektionsrisiko durch SARS-CoV-2 und das Erkrankungsrisiko an COVID-19 untersucht.

Mit einem eigens entwickelten Testverfahren haben die Forscher die Menge an unterschiedlichen Anti­körpern gegen die 4 anderen saisonalen Coronaviren im Blutserum von 825 Blutspendern aus der Zeit vor dem Auftreten von SARS-CoV-2 untersucht. Später wurden 389 Proben von Spendern analysiert, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten.

Dabei zeigte sich, dass die Patienten, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hatten, geringere Mengen an Anti­körpern gegen die Erkältungscoronaviren im Blut hatten. Trkola schließt daraus im Umkehrschluss, dass eine vorangegangene Infektion mit OC43, HKU1, NL63 und 229E Menschen vorübergehend vor einer In­fektion mit SARS-CoV-2 schützen könnte. Der Mechanismus könnte eine Kreuzresistenz sein. Da die Anti­körpertiter nach einer Infektion mit Coronaviren rasch nachlassen, könnten in erster Linie Kinder davon profitieren.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass SARS-CoV-2-Infizierte mit hohen Antikörperwerten gegen die harmlosen Coronaviren weniger häufig wegen COVID-19 hospitalisiert werden mussten. Dies könnte laut Trkola bedeuten, dass die Kreuzimmunität auch vor schweren Verläufen schützt.

Offen ist laut Trkola noch, ob die Kreuzreaktivität auch umgekehrt funktioniert. Ob also eine Immunität gegen SARS-CoV-2 – beispielsweise durch eine Impfung – auch vor den saisonalen Coronaviren schützt. In diesem Fall würden Kinder, die gegen SARS-CoV-2 geimpft wurden, zumindest in der nächsten Saison seltener an einer Erkältung erkranken. Dieser Schutz würde sich vermutlich nur bei kleineren Kindern zeigen, für die derzeit allerdings keine Impfungen geplant sind.

Die Frage einer Kreuzimmunität hat seit Beginn der Pandemie auch andere Wissenschaftler beschäftigt. Im Oktober letzten Jahres berichteten US-Forscher im Journal of Clinical Investigation (2020; DOI: 10.1172/JCI143380), dass frühere Infektionen mit saisonalen Coronaviren den Verlauf von COVID-19 ab­schwächen. Einen Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 konnten sie nicht nachweisen.

Britische Forscher fanden heraus, dass Kinder nach Erkältungen kreuz­reaktive Antikörper im Blut haben, die das Eindringen des Virus in die Zellen verhindern könnten (Science, 2020; DOI: 10.1126/science.abe1107).

Umgekehrt wurden bei Kindern, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 überstanden hatten, Antikörper nach­gewiesen, die auch relevante Epitope auf den Coronaviren erkennen, die für saisonale Erkältungskrank­heiten verantwortlich sind (Cell Reports Medicine, 2021; DOI: 10.1016/j.xcrm.2020.100189).

Es gab aber auch Negativstudien, die keine Schutzwirkung der Antikörper gegen saisonale Coronaviren vor SARS-CoV-2 fanden (Cell, 2021; DOI: 10.1016/j.cell.2021.02.010).


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