Air trapping: Radiologen machen Long COVID im CT sichtbar

Deutsches Ärzteblatt vom Mittwoch, 16.3.2022


Viele Patienten, die nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 über Residualsymptome klagen, die auch als Long COVID bezeichnet werden, sind offenbar nicht in der Lage, ihre Lungen bei der Ausatmung vollständig zu entlüften. Das Phänomen, das als „Air trapping“ bezeichnet wird, lässt sich in einer Compu­tertomografie (CT) sicht­bar machen, wie US-Radiologen in Radiology (2022; DOI: 10.1148/radiol.212170) berichten.

Die Ursachen von PASC („post-acute sequelae of COVID-19“), wie Mediziner das Long-COVID-Phänomen auch bezeichnen, sind bisher nicht geklärt. Da viele Patienten über eine mentale Erschöpfung klagen, wird häufig eine Schädigung des Gehirns als Auslöser vermutet. Die Befunde, die ein Team um Alejandro Comellas vom Carver College of Medicine in Iowa City jetzt vorstellen, sprechen eher für eine chronische Lungenerkrankung, wie sie auch im Anschluss an andere Atemwegsinfektionen, etwa nach RS-Virus Infektionen bei Kindern beobachtet wird.

Eine chronische Entzündung kann zu einer Fibrose mit Verengung der kleinen Atemwege führen, die als konstriktive Bronchiolitis bezeichnet wird. Den Patienten gelingt es dann häufig nicht, bei der Exspiration die Alveolen ausreichend zu entlüften. Es kommt zu einem „Air trapping“, das den Gasaustausch vermin­dert. Wenn die Veränderungen nur Teile der Lunge betreffen, sind die Auswirkungen minimal. Sie zeigen sich unter Umständen weder in einer Blutgasanalyse noch in der Spirometrie. Sie könnten aber dazu führen, dass die Patienten sich „schlapp“ fühlen.

Ein „Air trapping“ kann auf einem CT sichtbar gemacht werden, wenn die Aufnahme nicht wie norma­lerweise beim Einatmen, sondern nach der Exspiration durchgeführt wird. Das Team um Comellas hat dies bei 100 Patienten im Alter von median 48 Jahren untersucht, die mehr als 30 Tage nach der über­standenen COVID-19-Erkrankung noch über Kurzatmigkeit, Abgeschlagenheit („Fatigue“), Husten oder über andere Symptome klagten, die anzeigten, dass sie sich noch nicht vollständig erholt hatten. Bei 67 Patienten war die COVID-19-Erkrankung ambulant behandelt worden, 17 waren im Krankenhaus auf einer Normalstation und 16 auf einer Intensivstation behandelt worden. Die Ergebnisse wurden mit 106 gesunden Probanden verglichen.

Auf den CT-Aufnahmen waren bei vielen Patienten die für COVID-19 typischen Milchglastrübungen („ground-glass opacification“, GGO) zu sehen, die auf eine Schädigung der Alveolen hinweisen. Sie waren zu 94 % bei Patienten vorhanden, die auf Intensivstation behandelt wurden, aber nur bei 36 % der am­bulant behandelten Patienten mit PASC.

Weitere Hinweise auf eine dauerhafte Schädigung waren Traktionsbronchiektasien (ein durch Narben verzerrtes Lungengewebe) bei 69 % der früheren Intensivpatienten und bei 8 % der ambulanten Patien­ten und andere Störungen der normalen Architektur (81 % versus 3 %). Diese Veränderungen könnten erklären, warum die früheren Intensivpatienten unter einem PASC litten.

Bei den ambulanten Patienten muss es noch andere Gründe geben. Wie Comellas berichtet, wiesen 2/3 der ambulanten Patienten (63 %) ohne GGO ein „Air trapping“ auf. Betroffen waren zwar nur 25 % der Lungen. Dies könnte nach Ansicht der Radiologen jedoch ausreichen, die Symptome der ambulanten Patienten zu erklären, die anders als die früheren Intensivpatienten keine Auffälligkeiten in der Spiro­metrie hatten.

Die US-Radiologen sind die ersten, die ein „Air Trapping“ bei Long-COVID-Patienten beschreiben. Ob sich die Veränderungen mit der Zeit zurückbilden, ist noch nicht bekannt. Bei den untersuchten Patienten lag die Erkrankung im Durchschnitt 75 Tage zurück. Das “Air trapping“ war jedoch bei 8 von 9 Patienten vorhanden, die nach 200 Tagen untersucht wurden.


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